
Advent heißt, der Sohn kommt.
Der Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer hat ein Gedicht geschrieben:
Advent.
Holt den Sohn vom Bahnhof ab.
Er kommt.
Man weiß nicht genau,
mit welchem Zug, aber die Ankunft
ist gemeldet.
Es wäre gut, wenn jemand
dort auf und abginge.
Sonst verpassen wir ihn.
Denn er kommt.
Nur einmal.
Advent heißt, der Sohn kommt. Ein aufregendes Ereignis. Es gibt tagelange Vorbereitungen. Alle Einzelheiten werden nicht einmal, sondern mehrfach besprochen. Eine sehnsüchtige Erwartung liegt über der Familie. Lange Zeit vor der Ankunft des Zuges gehen Familienangehörige auf dem Bahnhof auf und ab. Man könnte ihn verpassen.
Und wie sieht unsere Erwartung aus? Wo ist etwas von der Spannung, von der Erwartung? Von der Sehnsucht? Wo ist etwas von der Vorbereitung zu spüren? Erwarten wir nicht viel stärker stille, ruhige und erholsame Tage als den Herrn? Sind die Adventstage nicht damit ausgefüllt, dass wir uns die Köpfe zerbrechen, welche Geschenke wir anderen Menschen überreichen wollen? Wir sind beschäftigt, nicht engagiert, wir laufen auch auf und ab, wir schauen auch immer wieder auf den Terminkalender, wann es soweit ist; nur hat es was mit dem lebendigen, kommenden Herrn zu tun?
Wann finden wir die Zeit, über uns selbst nachudenken? Über unsere Unrast, über unsere Geschäftigkeit und über unsere Erwartungslosigkeit?
"Vergib uns, dass unsere Erwartung so lustlos, unsere Freude so theoretisch, unsere Adventsgesänge so routiniert, unsere Dankbarkeit so gekünstelt und die Ausstrahlung unseres christlichen Lebens mangelhaft ist."
Reinhold Ruthe
Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers 
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