Denken und Glauben
1.Impuls
Denken und Glauben – stehen diese beiden Dimensionen einander wirklich so feindlich gegenüber, dass man sie besser gar nicht erst in Verbindung bringen sollte? „Das musst du eben glauben“, heißt der bekannte Satz, den wir oft hören oder auch selbst verwenden. „Gläubige“ gebrauchen ihn gelegentlich, was sich in einer naiven Art eher wie eine Schutzbehauptung anfühlt. Dem steht die andere Meinung gegenüber: Das Denken sei eine in sich derart geordnete und an den Voraussetzungen der Naturwissenschaften orientierte Dimension, dass ein konsequent denkender Mensch eben keinen Zugang zu dem gewinnen kann, was man unter „Glaube“ oder „glauben“ versteht. Dieser „Denkende“ sagt in der Primitivform: „Ich glaube nur, was ich sehe.“
Hier tut sich ein weites Gebiet auf, das man nicht in wenigen Zeilen erledigen kann. Gewiss nicht, doch sollte man nicht Schritt für Schritt einen „Denkweg“ unter die Füße nehmen können, der irgendwann und irgendwie jedenfalls den „Glaubensweg“ kreuzt? Ihn nicht einfach missbilligt und gar verachtet, sondern zu einem für beide Wege interessanten Kontakt führt? Umgekehrt natürlich auch. Der Glaube braucht das Denken ganz unbedingt, denn gerade der christliche Glaube ist ein denkender Glaube. „Ich weiß, woran ich glaube“ ist eine zugleich spirituelle und intellektuelle Feststellung. Mir scheint, dass auch der Denkende gut daran tut, sich jedenfalls nicht automatisch vom Glauben zu distanzieren, als handle es sich dabei per se um Unsinn. Das dürfte wohl auch dem eigenen intellektuellen Anspruch kaum genügen.
Dabei geht es mir um beide Dimensionen der Suche, die des Denkens und die des Glaubens. Der Glaube hat seine eigene Denk- und Erfahrungsweise, doch er ist kein sinnloses Verfahren. Theologie ist kein Spielchen im Wolkenkuckucksheim, sondern redliche und durchaus harte Arbeit an dem, was die Kirche die „Offenbarung Gottes durch Christus“ nennt. So soll auch dem naturwissenschaftlich Denkenden seine Ernsthaftigkeit in tieferen Fragen nicht abgesprochen werden. Auch wer sich als Atheist bezeichnet, ist immer ein besonders interessanter Partner im Disput um die Wahrheit.
Ich beobachtete, dass Missverständnisse oft damit beginnen, dass man von ganz unterschiedlichen Ansätzen der Wahrheitsfindung ausgeht, die nicht für das gemeinsam gewünschte Ziel, also einer Verständigung geeignet sind. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich ein Pfund Mehl wiegen möchte, also messen will, benutze ich keinen Zollstock, sondern eine Küchenwaage. Wenn ich einen Raum meiner Wohnung ausmessen will, geht es nicht mit der Briefwaage, die vor mir auf dem Schreibtisch steht, da ist der Zollstock passend. Für das Messen der Raumtemperatur brauche ich ein Thermometer und keine Uhr, die ja die Zeit misst. Wie aber erst, wenn man die Liebe zwischen zwei Menschen messen wollte. Wird da die Zahl der Pulsschläge gemessen wie in der Praxis des Arztes? Oder der dramatische Anstieg des Adrenalinspiegels? Jeder wird einsehen, dass dies keine geeigneten Wege sind, um das erwünschte Ziel zu erreichen.
Mit dem Glauben ist es wie mit der Liebe. Darum nimmt die Bibel auch oft die erotische Liebe als Metapher für den Glauben. Der Glaube lebt, obwohl er nicht gemessen und bewiesen werden kann. Er erfüllt einen Menschen wie die Liebe. Zum geliebten Menschen, oder auch zu Gott. Als Jesus den Glauben des Verleugners Petrus nach Ostern prüfte, fragte er nicht nach Lehrsätzen, er fragte: „Simon, hast du mich lieb?“ Die berühmte Kurzformel für einen ganzheitlichen Glauben heißt: „Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst.“
Eine Gratulation an alle Liebenden und an alle an Christus glaubenden Frauen und Männer. Und ein überaus freundlicher Gruß hin zu jenen, die hier noch ein wenig nachdenken möchten.
Johannes Hansen 
|