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Glauben und Denken.

2. Impuls

 

Sigmund Freud, der Begründer der theoretischen und praktischen Psychoanalyse, hat schon darauf hingewiesen, dass unser Denken und Verstehen viel stärker als wir annehmen, „affektorientiert und interessegeleitet“ ist. „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens.“ Dieses bekannte Sprichwort ist im Grunde eine hochkarätige philosophische und psychologische „These“ zum ganzen Bereich der so genannten Freiheit des Denkens. „Die Gedanken sind frei“, wirklich? Was man lange genug verdrängt und nicht wahrhaben will, kann man am Ende wirklich vergessen und für nicht wahr erklären. Der Umkehrschluss gilt ebenso. Wenn ich mir etwas für mich unbedingt Wünschenswertes herbeidenke, kann es durchaus hier und da gelingen. Unser Verstand ist offenbar verführbar und unsere Vernunft keinesfalls stets vernünftig.

Luther hat die Vernunft eine wunderbare Gabe Gottes genannt und zugleich eine „Hure“. Die Vernunft ist käuflich. Wir können durch unser Denken große Erfahrungen machen und Gutes bewirken. Doch eben auch Schlechtes bewirken und uns selbst betrügen und täuschen. Als Beispiel eine eher lustige Geschichte. „Ich muss dringend eine mir so peinliche Sünde beichten“, sagte die Dame im Beichtstuhl. Der Pfarrer fragte, um was sich handle, die Dame antwortete: „Es ist die Sünde der Eitelkeit.“ Was es denn sei, kam die Frage. „Ich finde mich so schön.“ Der alte Pfarrer erwiderte nach ein paar Sekunden trocken: „Irrtum ist keine Sünde, liebe Frau.“ Und entließ sie ohne Absolution.

Täuschen wir uns nicht, unser Denken ist nicht neutral, es grenzt aus, was uns nicht in den Kram passt und es holt rein, was uns bestätigt. Auch wenn die herbeigeholten Argumente nicht wahr sind, wir verinnerlichen sie und schließlich stimmen sie für uns wirklich. Es sind die so genannten „Lebenslügen“, die erstaunlich starke Wurzeln haben. Oder man holt sich solide Neurosen, weil die Seele dann doch irgendwann streikt. Sich selbst belügen macht krank.

Auf diese Art und Weise gehen Ehen auseinander, oder auch Freundschaften. Manche für uns total unverständliche Aktionen von Rechtsradikalen, die durch die Straßen gehen und blöde Parolen brüllen, kommen durch diese Art von „Gehirnwäsche“ zustande. Man kann das ganze gesellschaftliche Leben durchsuchen, um  immer wieder auf Fehlentwicklungen des Denkens zu stoßen. Auch der Glaube an Christus kann auf diese Weise abgewürgt werden. Man tut es bei sich selbst, oder lässt es zu, dass es von außen geschieht. Wir Menschen sind leider oft unsere eigenen schlimmsten Feinde.

Auch Christen sollten hier sehr selbstkritisch sein. Die Nachfolge Christi beginnt mit der Umkehr in die Zukunft, nicht mit einer Rückkehr in fundamentalistische und selbstgerechte Spuren. Sie gehören zur „Avantgarde des Reiches Gottes“, der Weg geht nach vorn.

Der Glaube würgt nicht den Verstand ab, er gibt die Vernunft nicht an der Garderobe ab, sondern öffnet das Denken und die Vernunft für jenen Geist, den die Bibel den „Geist Gottes“ oder auch den „Geist Jesu“ nennt. Dieser „Wind Gottes“ fegt alles hinaus, was uns blockiert und macht uns frei für den Glauben und für ein aktives und dankbares Leben.

Gott stirbt nicht an dem Tag, an dem wir nicht länger an eine persönliche Gottheit glauben, aber wir sterben an dem Tag, an dem das Leben für uns nicht länger von dem stets wiedergeschenkten Glanz des Wunders durchstrahlt wird, von Lichtquellen jenseits aller Vernunft.“ (Dag Hammarskjöld, bis zu seinem Tode 1961, Generalsekretär der Vereinten Nationen.)

 

Johannes Hansen




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