Denken und Glauben
3. Impuls
„Wer sind Sie?“ So fuhr ein Berliner Schupo schnarrend einen etwas zerzausten alten Mann an, der in sich gekehrt auf einer Parkbank saß. „Ach, junger Mann“, sagte der alte Mann, „Wenn ich das nur selbst wüsste.“ Der Schupo war mit der Antwort nicht zufrieden und fuhr den Mann, den er für einen Penner hielt, erneut an: „Können Sie sich identifizieren?“ Der alte Herr nestelte in seinen Taschen und fand endlich den Personalausweis. Da knallte der eifrige Polizist die Hacken zusammen und entschuldigte sich achtungsvoll. Vor ihm saß ein berühmter Philosoph, der an einer Berliner Universität lehrte.
Eine scheinbar antiquierte Geschichte vom Anfang des vorigen Jahrhunderts, als die Polizeibeamten noch den Tschako - eine Art Papphelm - auf dem Kopf trugen, doch die Geschichte hat es bis heute in sich. Schon die Bemerkung: „Wenn ich das nur selbst wüsste“ aus dem Mund eines Philosophen macht sie bemerkenswert.
Sich identifizieren bedeutet sich ausweisen, sagen, wer man ist. Da geht es zunächst um unsere ganz normalen Lebensdaten, die jeder aus seinen Ausweisen kennt.
Nun taucht aber hinter unseren Lebensdaten die Frage nach unserer tieferen Identität auf. Nicht polizeilich, sondern existentiell. Wer bin ich hinter meinem Passbild und hinter dem Gesicht, das mich im Spiegel anschaut? Wer und was haben mich geprägt, meine Identität beeinflusst? Die Eltern, die Freunde, eine Ideologie, der Sport, meine Lektüre? Ein Glaube? Da ist alles in Fluss.
Hier ist nicht der Platz und Anlass zur Diskussion der Theorien auf diesem weiten Gebiet. Die Philosophie, die Psychologie, die Soziologie, die gerade herrschende Mode und vieles mehr sind an der Entstehung meiner Identität beteiligt. Auch ich selbst habe mich im Laufe der Jahre mit Menschen, Denkweisen, politischen Überzeugungen, religiösen Erfahrungen anderer identifiziert. Es war jedoch immer auch ein kritischer Prozess, denn manches stellte sich auf Dauer als nicht gut heraus, es gab Trennungen und Klärungen.
Ich mag mich nicht mit allem identifizieren, was gerade dran ist. Gerne erlebe ich Neues, das weiterführt im Denken und Glauben. Der Glaube wurde oft als ein Abenteuer beschrieben, so etwa der Weg des alten Abraham, der aus Ur in Chaldäa nach Kanaan aufbrach und immer neue Weisungen seines Gottes empfing. Ein Abenteurer auf Befehl.
Gerne haben sich viele Menschen mit den Gedanken und Taten von Martin Luther King und Mutter Teresa identifiziert. Oder ich mit einem persönlichen Freund, dessen Namen ich nicht nennen muss. Er hilft mir „im Glauben“ und „beim Denken“, weil er ein denkender Glaubender und ein glaubender Denker ist. Wir können uns beide miteinander identifizieren, auch wenn wir über manches hart diskutieren.
Mutter Teresa von Kalkutta, die Nonne im blauweißen Sari, antwortete auf die Frage eines Journalisten nach dem Geheimnis ihres Lebens: „Mein Geheimnis ist ganz einfach. Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Ein Wort des Apostels Paulus, mit dem sie sich in ihrem Liebesdienst an den Sterbenden auf den Straßen von Kalkutta identifizierte. Ihr Leben war transparent, durchlässig für Christus. Ich lerne bei ihr, dass die tiefste Identität unseres Lebens nicht in uns selbst zu finden ist, sondern durch Jesus Christus, der in unser Denken und Fühlen und Handeln einzieht. Er steht stets vor der Tür unseres Lebens und möchte unser Leben lebenswert und liebenswert machen.
Johannes Hansen 
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