Ohne mich
könnt ihr
nichts tun
Wir sind großartige Leute. Wir können viel tun. Und was wir alles tun können! Wir machen es schon, wir kriegen es schon hin.
Ein moderner Philosoph sprach vor Jahren von der "Machbarkeit aller Dinge". Er meinte es kritisch, eigentlich sogar spöttisch. Inzwischen sind wir nachdenklich geworden, was die Machbarkeit aller Dinge angeht. Immer mehr vernünftige Leute beginnen zu fragen, ob wir wirklich alles machen dürfen, was wir machen können. Aber noch herrscht vorrangig das Prinzip der Machbarkeit. Wir machen immer mehr Autos, auch wenn wir mit dem Machen der Straßen nicht nachkommen. Wir machen immer neue Computer-Generationen, die uns beinahe das Fürchten lehren. Wir machen Maschinen, mit denen wir Enormes produzieren. Heimlich haben wir den Verdacht, dass man irgendwo in der weiten Welt auch schon per Gen-Manipulation neue Tiere und gar Menschen macht - ein grauenhafter Gedanke.
Nein, es geht nicht um Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit. Aber es macht uns doch wohl nachdenklich, dass wir erkennbar die Schöpfung kaputt machen, dass Menschen wieder Krieg machen und Menschen tot machen und dafür Raketen und sogar Gas machen. Und dass wir schließlich nicht nur die Welt, sondern auch unsere Seelen kaputt machen. Kein Horrorgemälde - die Realität ist so.
Ich bin glücklich, dass ich eine ganz andere Wirklichkeit ansagen kann, von der die Bibel spricht. Jesus Christus sagt dort in Johannes 15,5: "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."
Das ist nicht die fromme Welle, die mit dem eigentlichen Leben nichts zu tun hat. Eine ganz andere Art zu denken und zu leben wird hier angeboten, die dann allerdings unser Leben tief verändern wird.
Jesus nimmt das Bild eines Weinstocks und sagt: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben." Das einfache Bild meint eine tiefe innere Verbindung. Die Rebe kann nur Frucht bringen, wenn sie ganz aus dem Weinstock lebt und von ihm ihre Kraft bekommt. Die Nachfolger Jesu sind gemeint, doch so einer darf ja jede und jeder werden, die sich auf ihn einlassen. Je enger die Verbindung zwischen uns und ihm ist, umso mehr werden wir Frucht bringen. Es ist beinahe wie ein Bild der Liebe. Frucht werden wir bringen. Das ist etwas anderes, als Erfolg haben, Geld haben, sich durchsetzen und groß herauskommen. Immer wieder weist das Evangelium auf die Liebe hin, die eine Frucht der Gemeinschaft mit Gott ist. Wer sind wir denn, auch wenn wir noch so erfolgreich wären, wenn wir nicht in der Liebe zu Gott und den Menschen leben? An den Kältegraden unserer Herzen können wir es ablesen.
"Der Mensch ist eine Erfindung der Liebe und wurde geschaffen zum Lieben", schreibt Ernesto Cardenal in seinem "Buch von der Liebe". Und er fügt hinzu: "Wir sind wie Fische, die im Aquarium noch immer eine Erinnerung ans Meer bewahren." "Gott ist verrückt vor Liebe", sagt er- etwas davon ist in unserem Jesuswort vom Weinstock und den Reben zu spüren. "Ohne mich könnt ihr nichts tun" - ich weiß, das ist eine Provokation für moderne Menschen. Natürlich können wir alles Mögliche und leider auch Unmögliche tun, die Welt ist voll davon. Offenbar ist es so gemeint: "Ohne mich könnt ihr nur das Nichtige tun."
Das ist kein vernichtendes Urteil über unsere fleißige Arbeit und Fürsorge für unsere Nächsten und diese Erde. Aber es ist, so scheint mir, eine befreiende Aufforderung, unser Leben und Wirken noch einmal zu bedenken. Wir sollen Frucht bringen, die bleibt und nicht den Tod, sondern neues Leben hervorruft. Eine Einladung also, sich dem anzuschließen, der das Leben heißt.
Johannes Hansen 
|