Die Zeit
der Richter
Das Volk Israel lebt nun nach der Landnahme im von Gott versprochenen Land. Aber es lebt dort nicht allein. Organisiert als loser Zwölf-Stämme-Verband existiert es neben den kanaanäischen Stadtkönigtümern. Schon bald stellt sich die Frage, wie sich Israel in dieser Situation behaupten kann: Religiös bedroht durch den kanaanäischen Baalskult mit seinen beeindruckenden Opferstätten auf den Bergeshöhen; politisch gefährdet durch beutegierige Nachbarvölker, die immer wieder ins Land einfallen und Israel oft an den Rand des Untergangs bringen.
In dieser doppelten Gefährdung beruft Gott immer wieder charismatische Führerpersönlichkeiten, die in Zeiten besonderer Bedrängnis Israel von der Fremdherrschaft erlösen und die Ordnung Gottes, von der das Volk abgewichen war, wieder herstellen. Die Bezeichnung dieser Führer als Richter ist ein wenig irreführend: Zwar gab es in dieser frühen geschichtlichen Zeit in Israel das Amt eines Richters, das der Rechtstradition diente und ein Amt auf Lebenszeit war. Aber die im Richterbuch erzählten Geschichten handeln nur mit wenigen Ausnahmen von Führern, die zugleich auch das Richteramt in Israel bekleideten. Ansonsten haben wir uns diese Richter als Stammesführer vorzustellen, über die in Notzeiten der Geist des HERRN kam, um Israel von Fremdherrschaft zu erlösen. Dabei folgen die Geschichten im Richterbuch einem stets wiederkehrenden Schema:
- Abfall Israels („…und dienten anderen Göttern“)
- Unterdrückung durch Feinde
- Hilfeschrei zu Gott
- Befreiung Israels durch einen von Gott auserwählten Richter
Die in dieser Zeit offene Frage aber wird immer dringlicher. Braucht der Stämme-Verband Israel nicht eine klare Leitungsstruktur, die auf Dauer angelegt ist, um gegen seine Nachbarvölker bestehen zu können?
Interessanterweise endet das Richterbuch mit der Feststellung: Zu der Zeit war kein König in Israel, jeder tat, was ihm recht dünkte (Richter 21,25). Der Ruf nach der Monarchie sollte in Israel immer lauter werden.
Klaus Jürgen Diehl

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