Salomos Tempelweih-Gebet
1. Könige 8,12-30
War es David noch verwehrt geblieben, Gott einen Tempel zu bauen, so hatte ihm Gott durch den Propheten Nathan doch ausrichten lassen, dass einmal Davids Sohn dieses Vorhaben verwirklichen dürfe. Vier Jahre nach seinem Regierungsantritt beginnt Salomo mit dem Bau des Tempels - übrigens genau an der Stelle, an der heute in Jerusalem der islamische Felsendom mit seiner goldenen Kuppel steht ‑, und nach siebenjähriger Bauzeit ist das Werk vollendet. Mit einem sieben Tage währenden Fest wird der Tempel eingeweiht, wobei zunächst die bereits von David nach Jerusalem überführte Lade in einer feierlichen Prozession in den neu erbauten Tempel gebracht wird.
In einem langen Gebet wendet sich der König an Gott. Er erinnert an die Vorgeschichte, wonach sein Vater David auf die Weisung Gottes hin den Tempelbau seinem Sohn überlassen musste. Doch dann folgt das Lob der Treue Gottes, der wie kein anderer zu seinem Wort und seinem Bund steht. Der allerdings auch von seinem Volk erwartet, dass es ihm von ganzem Herzen (Vers 23) gehorsam ist. Auf dieser verlässlichen Grundlage, dass Gott seinen Bund und seine Treue hält, bittet nun Salomo darum, dass Gott auch in Zukunft sein Wort wahr macht und zu seinen Verheißungen steht. Das Tempelweih-Gebet Salomos ist in diesen Passagen (Verse 24 und 25) ein schönes Beispiel dafür, wie wir Menschen uns bis heute bei Gott im Gebet auf seine Zusagen berufen; ja, geradezu ihm „den Sack seiner Verheißungen vor die Füße werfen“ dürfen (so Martin Luther).
Überraschend taucht in dem Gebet Salomos plötzlich die Frage auf: Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? (Vers 27). Natürlich sollte der Tempel in der Sicht frommer Israeliten die Wohnung Gottes sein, doch liegt in dieser Vorstellung Engführung und Gefährdung zugleich. Gott ist in seiner Souveränität größer und in seiner Wirksamkeit weiter, als dass er sich auf einen von Menschen gebauten Tempel beschränken ließe. Ja, manchmal sind sogar Tempel und Dome in der Gefahr zur Räuberhöhle (so Jesu Kritik am Tempelbetrieb in Markus 11,17) zu werden, aus denen Gott sich längst zurückgezogen hat. Darum bittet Salomo: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Tag und Nacht... (Vers 29).
Klaus Jürgen Diehl

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