Der gute Hirte
Psalm 23
Kaum ein Text der Bibel hat Menschen so angesprochen und bewegt wie der 23. Psalm. Sicher hat auch die auf Martin Luthers Übersetzung zurückgehende Sprachgestalt dieses Psalms dazu bei getragen, dass Menschen eigene Lebenserfahrungen in diesem Psalm wieder entdecken und ihn verinnerlichen, nachdem sie ihn längst auswendig gelernt und zu ihrem ganz persönlichen Vertrauensbekenntnis Gott gegenüber gemacht haben. Dabei ist dieser Psalm alles andere als eine fromm verpackte Verklärung unseres Alltagslebens. Von einer romantischen Schäfer-Idylle ist da keine Spur zu finden. Dafür aber redet der Beter dieses Psalms nüchtern und offen vom finstern Tal, vom Unglück - und sogar von den eigenen Feinden. Persönliche Schicksalsschläge, Zeiten der Ungewissheit und selbst Auseinandersetzungen mit Feinden sind ihm nicht erspart geblieben. Aber er hat mehr als das erlebt: Gott hat sich als guter Hirte über sei n Leben erbarmt, hat ihn erquickt und getröstet, ihm gerade in den dunklen Stunden seine Gegenwart spüren lassen und ihn wie ein Kind an die Hand genommen und geführt. Er hat die Feinde zwar nicht aus seinem Leben verschwinden lassen, aber seine Großzügigkeit und Fürsorge gerade im Angesicht der Feinde unter Beweis gestellt. Darum sind als Summe eigener Lebenserfahrung nicht die dunklen Stunden entscheidend, sondern der überaus barmherzige und freigebige Gott, der das Leben reich und schön gemacht hat. Wo Christen diesen Psalm beten, steht ihnen Jesus vor Augen, der das Bild vom guten Hirten auf sich selbst überträgt: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe (Johannes 10,11). Hier wird deutlich, was es Gott kostete, um uns oft störrische, auf mancherlei Abwege geratene Schafe zu retten und auf rechter Straße zu führen. Jesus hat sein Leben gelassen; er hat durch sein Sterben und Auferstehen auch die ärgsten Feinde - Tod und Teufel - besiegt. Das ist Grund genug, dass wir auch im Angesicht dieser Feinde gelassen und zuversichtlich unseren Weg gehen können. Wir dürfen wissen: Niemand und nichts kann uns mehr aus der Hand dieses guten Hirten reißen.
Klaus Jürgen Diehl

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