Jesajas Berufung zum Propheten
Jesaja 6
Zweifellos ist er eine der überragenden Prophetengestalten des Alten Testaments: Jesaja. Von seiner persönlichen Geschichte erfahren wir wenig. Seine Berufung zum Propheten wird allerdings exakt datiert: Sie fällt in das Todesjahr des jüdischen Königs Usija (bzw. Asarja), vermutlich im Jahr 739 v. Chr. Über den langen Zeitraum von vier Jahrzehnten hat Jesaja in Jerusalem gewirkt, wobei er wie kein anderer der Schriftpropheten sonst Zugang zum Jerusalemer Königshof hat.
In Jesaja 6 wird seine Berufung zum Propheten erzählt. In einer Art himmlischer Thron-Vision darf Jesaja Gott in seiner Erhabenheit, in seiner Fülle und im Glanz seiner Herrlichkeit schauen. Wie Gott aussieht wird nicht gesagt; nur, dass er von einer alle irdischen Maße sprengenden Größe und Herrlichkeit ist. Die Reaktion ist ein tiefes Erschrecken Jesajas, dem im Angesicht Gottes die eigene Unwürdigkeit und Sündhaftigkeit bewusst wird. Es ist eine Reaktion, die wir auch von andern in der Bibel überlieferten Berufungsgeschichten von Mose bis hin zu Petrus kennen: Sobald Gott sich einem Menschen auf direkte Weise offenbart, kommt es bei diesem zum Erschrecken über die eigene Unwürdigkeit bzw. Sünde. Der Sünder erträgt die Nähe Gottes nicht. So erfolgt zunächst die Entsühnung Jesajas durch einen Serafin (engelähnliche geflügelte Wesen, die zum himmlischen „Hofstaat“ gehören): Mit glühender Kohle wird Jesaja die Vergebung auf die Lippen eingebrannt. Das Zeichen verfehlt seine Wirkung nicht. Denn als Gott jetzt fragt: „Wen soll ich senden?“, antwortet Jesaja ohne Umschweife: „Hier bin ich, sende mich!“ (Vers 8).
Der Auftrag, der Jesaja daraufhin erteilt wird, verdeutlicht die Schwere bzw. die Not des Prophetenamtes. Jesaja soll einem Volk predigen, das sein Herz verstockt hat und nicht bereit ist, zu Gott umzukehren. Wie später Jeremia wird auch Jesaja sein Leben lang darunter leiden, dass die ihm von Gott aufgetragene Botschaft ungehört verhallt. Auf die Frage, wie lange die Unbußfertigkeit des Volkes anhält, bekommt Jesaja die wenig tröstliche Antwort: Bis das Gericht Gottes an Israel vollzogen ist. Nur ganz am Schluss der Berufungsgeschichte leuchtet ein Hoffnungsschimmer auf: Durch das Gericht hindurch bleibt die Zusage des heiligen Restes, aus dem Gott einen wunderbaren Neuanfang ermöglichen wird.
Klaus Jürgen Diehl

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