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Schrei der Verzweiflung

Jeremia 20, 7-18

 

 

Von keinem anderen Propheten im Alten Testament erfahren wir so viel über sein persönliches Schicksal wie über Jeremia. Erklärlich ist das wohl durch seinen Freund und Schreiber Baruch. Er sammelte nicht nur die Prophetenworte Jeremias, sondern schilderte immer wieder auch Ereignisse, die sich aus den öffentlichen Auftritten des Propheten ergaben. Man könnte sie geradezu die Leidensgeschichte Jeremias nennen.

 

Auf dem Hintergrund dieser Leidensgeschichte verdienen die leidenschaftlichen Klagen des Jeremia, seine verzweifelte Zwiesprache mit Gott, besondere Aufmerksamkeit. Wir finden diese Klagen Jeremias - eingestreut zwischen verschiedene Gerichtsworte - in den Kapiteln 11 bis 20 des Jeremia-Buches. Diese Gebetsschreie gehören zu dem Gewagtesten, was uns in der Bibel über das Reden bzw. Ringen eines Menschen mit Gott überliefert ist. Wie Jeremia seine Verzweiflung an Gott herausschreit, grenzt beinahe an Blasphemie. So könnte auch ein kämpferischer Atheist reden - nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass eben ein Atheist so nicht mit Gott, sondern allenfalls über Gott reden würde.

 

Jeremia macht Gott für sein Leiden am Leben verantwortlich. Er vergleicht sich mit einem jungen Mädchen, das sich von seinem Liebhaber überreden und betören lässt, aber darüber zum Gespött der anderen wird. Hatte nicht einst der junge Jeremia gegen seine Berufung eingewandt: Ich bin zu jung! (Jeremia 1,7). Aber dann hatte sich Gott einfach darüber hinweggesetzt und ihn als Propheten zum Bollwerk gegen ein verstocktes, unbußfertiges Volk bestimmt! Doch selbst als sich der Prophet vornimmt, den Mund zu halten und nicht mehr in seinem Namen zu predigen (Vers 9), gelingt ihm dies nicht. Jeremia stellt fest, dass sein Prophetenamt nicht in sein Belieben gestellt ist: Es liegt eine innere Nötigung auf ihm, die es ihm unmöglich macht, einfach zu schweigen.

 

Und dann dieses Aufstöhnen aus tiefster Verzweiflung, mit dem Jeremia selbst den Tag seiner Geburt verflucht (Verse 13ff)! Uns stockt beim Lesen der Atem: Kann, ja, darf man so über sein eigenes Leben urteilen? Aber auch auf diese Klage hat Jeremia eine Antwort bekommen. Gott hat seinen Propheten nicht in dieser Verzweiflung versinken lassen. So wie er sich bis heute der Menschen annimmt, die ihm ihre Not und ihr Elend klagen und darin nicht locker lassen.

 

 

 

Klaus Jürgen Diehl

 




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