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Der Schatten,
der uns folgt...

 

Wir gingen mit einem entzückenden kleinen Mädchen von zwei Jahren in einer ruhigen, von prächtigen Häusern gesäumten Straße spazieren. Plötzlich blieb das kleine Mädchen stehen, zeigte auf den Boden des breiten Bürgersteiges und war sichtlich erschrocken. Sie hatte im Schein der warmen Herbstsonne ihren Schatten entdeckt. Da, da, sagte sie und schaute uns ängstlich an. Wir wollten sie beruhigen, in dem wir auf unsere eigenen Schatten zeigten und mit Armen und Beinen demonstrierten, wie sich der Schatten im Licht der Sonne veränderte. Nein, nein, sagte sie heftig und wandte sich ab. Sie wollte ihren und unsere Schatten nicht mehr sehen, sie hatte Angst vor der seltsamen Naturerscheinung.

 

Jeder von uns hat seinen Schatten schon tausendfach gesehen, das Naturphänomen ist uns nicht fremd. Doch wir wissen, dass der Begriff Schatten zu einer Metapher für allerlei geworden ist, was uns Menschen anhaftet und sozusagen verfolgt. „Er wird von seinem Schatten verfolgt.“ Das muss keinesfalls der Kurschatten sein, der in Kurorten gesichtet wurde. Der Schatten kann eine schwierige Erfahrung sein, die schon Jahre oder Jahrzehnte zurück liegt. Vielleicht tatsächlich eine gescheiterte Liebe. Der Freund bekam sie, ihn wollte sie nicht, er aber wurde diesen Schatten nie mehr los, besonders weil er sie manchmal sieht.

 

Oder auch ein geplatzter Berufswunsch. Nach dem zweiten geplatzten Examen war ein drittes nicht mehr möglich. Kein Totalverlust, was einer gelernt hat, wird ihn weiter begleiten, doch der Traumberuf war ausgeträumt. Jemand trägt diese bittere Erfahrung still wie einen langen Schatten mit sich herum.

 

Es gibt auch den Schatten der Schuld, der uns nicht loslassen will. Da war doch mal etwas, dessen er oder sie sich bis heute schämt. Der Griff in die Kasse, die Lüge, die einen Menschen scheitern ließ. Lügen können wie Morde sein. Kaum einer weiß davon, aber der Schatten taucht immer wieder auf, wenn ein Name fällt oder eine Situation in Erinnerung kommt. Man fühlt sich gebrandmarkt, sozusagen tätowiert. Ich will hier keine lange Liste machen. Wer diese Schatten kennt, muss nicht belehrt werden.

 

Können wir unseren Schatten loswerden? Mit manchem Schatten muss jemand tatsächlich leben. Er muss sich sozusagen mit seinem Schatten versöhnen. So wie mit der Trauer über den Tod eines geliebten Menschen. Oder mit dem Schatten eines Verzichts. Ehelosigkeit kann dieser Schatten sein, mit dem sich ein Mann oder eine Frau versöhnen müssen. Auch der körperlich bedingte Verzicht auf ein eigenes Kind gehört zu dieser Art von Schatten.

 

Das lapidar hingeworfene Wort „Schicksal“ klingt hier zu billig, Versöhnung mit der als Lücke im Leben empfundenen Erfahrung ist besser, wenn sie auch mit Arbeit an der eigenen Seele verbunden sein wird. „Ich habe es aus Gottes Hand genommen“, sagte mir eine Frau. Sie hatte die Lücke durch ein interessantes Engagement ausgefüllt, sie half anderen Kindern ins Leben. Das war ihr Weg. Hier kann man keine Vorschriften machen und Ideallösungen anbieten.

 

Der Schatten der Schuld kann wirklich vollständig durch Vergebung beseitigt werden. Die Erinnerung mag bleiben, doch darf sie mehr und mehr verblassen. „All Sünd’ hast du getragen, sonst müssten wir verzagen.“ So singen wir manchmal im Gottesdienst der Kirchen. Vergebung ist ein Wort für Jesus, er trägt und vergibt unsere Schuld. „Und vergib uns unsere Schuld“ beten wir Menschen im Vaterunser.

 

Noch einmal zurück zu dem zauberhaften kleinen Blondschopf. Sie sah ihren Schatten im Licht der Herbstsonne. Dann wandte sie sich der Sonne zu und der Schatten war weg. Jedenfalls für ihre blitzenden Augen. Das ist eine kleine aber wichtige Beobachtung. Wir können aus dem Schatten ins Licht treten. Vor unserem Schatten fliehen können wir nicht, er ist so schnell wie wir selbst. Doch durch Umkehr ins Licht fällt dieser Schatten von uns ab. Christus sagt: „Wer mir nachfolgt wird nicht in der Finsternis unterwegs sein, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8, 12)

 

  

Johannes Hansen

 

 




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