Vom leidenden Gottesknecht
Jesaja 52,13-53,12
Zur Besonderheit der Botschaft unseres Prophetengehören die vier Gottesknechtlieder, die ohne erkennbaren Zusammenhang in das Prophetenbuch eingefügt sind, miteinander aber in engem Zusammenhang stehen: Jesaja 42,1-4; 49,1-6; 50,4-9 und 52,13-53,12.
Unser Text ist zweifellos das Beeindruckendste dieser vier Gottesknechtlieder. Wer ist hier mit dem leidenden Gottesknecht gemeint? In der jüdischen Auslegungstradition wird der Gottesknecht als das wirkliche oder ideale Israel gedeutet. Doch birgt diese Interpretation die Schwierigkeit, dass der Gottesknecht gerade als Mittler zwischen Gott und Israel geschildert wird. Andere Ausleger sehen in der Gestalt des Gottesknechts darum eine Einzelperson, etwa einen Propheten, der wie z.B. Mose oder Jeremia durch seine Fürbitte und sein Leiden am Ungehorsam des Volkes in den Riss tritt, d.h. der das schuldige Volk mit Gott versöhnt. Doch lässt sich selbst an den herausragenden Prophetengestalten des alten Bundes kaum deutlich machen, dass sie stellvertretend die Schuld des ganzen Volkes auf sich genommen haben.
So bleibt am Naheliegendsten die Deutung des Gottesknechtes auf eine künftige Gestalt, die durch ihr stellvertretendes Leiden und ihren Opfertod freiwillig die Schuld anderer auf sich nimmt und dadurch ihre Erlösung bewirkt. So haben die ersten Christen das Leiden und Sterben Jesu als Erfüllung der Prophetie vom leidenden Gottesknecht bezeugt. Denn in der Passion Jesu, der von den Menschen verhöhnt und verspottet wurde und der seinen Mund nicht auftat wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde (Vers 7), vollstreckt Gott die Strafe, die letztlich alle Menschen verdient hätten. Und obwohl Jesus deutlich seinen eigenen Jüngern gegenüber von seinem gewaltsamen Leiden und Sterben spricht, vermögen diese in ihm nicht den leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53 zu erkennen: Wir gingen alle in die Irre wie Schafe (Vers 6). Das trifft auch auf die engsten Anhänger Jesu zu. Erst nach der Auferstehung Jesu erkennen sie, dass sich im Geschick Jesu vollzog, was bereits 500 Jahre zuvor geweissagt wurde. So schildert die Apostelgeschichte, wie Philippus dem Kämmerer aus Äthiopien die ihm so fremde Gestalt des Gottesknechts aus Jesaja 53 deutet, in dem er ihm vom Leiden und Sterben Jesu erzählt (Apostelgeschichte 8,2ff). Das Lied vom leidenden Gottesknecht wirft damit wie kaum ein anderer Text des Alten Testaments ein helles Licht auf die Gestalt Jesu.
Klaus Jürgen Diehl

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