Wer hat Angst vor dem Pluralismus?
Jesus sagte zu ihnen: „Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.“ Da ging Simon und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. (Johannes 21, 10-11)
In der Nähe war bekanntlich ein Grillplatz. Frische Fische schmecken am besten. Der Herr liebte Scholle, Petrus stand auf Seezunge, Thomas auf Didymus und die Zebedäussöhne aber wollten Sardinen, nichts als Sardinen. 153 Fische, 153 Sorten, Wunder über Wunder, der österliche See von Tiberias war noch nicht spezialisiert. Scholle, Seezunge, Sardinen, wie es euch gefällt. Heidenchristen, Judenchristen. Schwarze, Weiße, Rote, Gelbe, Gott hat sie alle lieb.
Nie zerriss das Netz. Was später zerriss, war der Konsens der Fischer. Geschmacksfragen? Geschmacksfragen.
Man gab Gutachten in Auftrag, um die mögliche Ernte im See von Tiberias historisch-kritisch einzugrenzen. Man müsse wohl davon ausgehen, so hieß es in einer Expertise, dass die 153 Süßwasser(!)fische erstens allesamt dasselbe Gesangbuch gehabt hätten, wobei man Fischleins Nachtgebet als literarisches Argument heranzuziehen habe. Zweitens – Stirnrunzeln und Betroffenheit! – sei sowohl die Zahl als auch die Species rein symbolisch zu betrachten, sodass von einem urkirchlichen Pluralismus wohl kaum die Rede sein könne, höchstens symbolisch sozusagen.
Bei diesem Stand der Dinge riss zwar nicht das Netz, wohl aber der Geduldsfaden des Herrn, und er fragte dreimal: „Liebt ihr mich?“ Aber Fischer sind wortkarge Gesellen.
Michael Graff

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