Ein geistlicher Neuanfang
Nehemia 9 und 10
Zwar kann der Wiederaufbau der zerstörten Stadtmauern nach etwas mehr als sieben Wochen erfolgreich abgeschlossen werden, doch ist Nehemia nicht verborgen geblieben, dass es um den inneren Zusammenhalt und das geistliche Fundament der Menschen in Jerusalem nicht zum Besten bestellt ist: Der äußere Aufbau der Mauern bedarf dringend der Ergänzung durch ein inneres Wiederaufbau-Programm, eine geistliche Neubesinnung. Nehemia findet für dieses Anliegen tatkräftige Unterstützung durch den Schriftgelehrten Esra.
Als dieser vor dem versammelten Volk von einer Kanzel herab Stunde um Stunde aus der Thora, dem Gesetzbuch Israels, vorliest, hören die Menschen andächtig zu: Und die Ohren des ganzen Volkes waren dem Gesetzbuch zugekehrt, so lesen wir in Nehemia 8,3. Geistliche Neubesinnung erfolgt immer da, wo Menschen ein offenes Ohr für Gottes Wort haben. Aus dem Hören erfolgt eine innere Erschütterung, die in ein langes Bußgebet des Volkes einmündet. In diesem Gebet breitet Israel noch einmal vor Gott seine Geschichte aus. Eine Geschichte, die gekennzeichnet ist durch den fortwährenden Ungehorsam und Abfall von Gott – und zugleich von der unverdienten Treue Gottes, der dennoch sein Volk nicht preisgeben kann und will.
Doch es bleibt nicht allein bei Tränen der Reue und Buße: In einem öffentlichen Gelöbnis verpflichtet sich das Volk feierlich, in Zukunft Gottes Gebote zu halten. Zum Zeichen ihrer Ernsthaftigkeit verlangen sie nach Tinte, Feder und Papier und setzen einen schriftlichen Vertrag auf, in dem sie sich zum Befolgen der Gebote Gottes verpflichten. 84 namentlich genannte Leute aus dem ganzen Volk setzen ihre Unterschrift unter diesen Vertrag. Dabei betrifft die eingegangene Verbindlichkeit speziell die Ehen (es sollte künftig keine Mischehen mehr mit Angehörigen fremder Völker geben), die Beachtung des Sabbats und die Regelung materieller Opfer.
Es gehört zur Nüchternheit der biblischen Überlieferung, dass sie die Folgen dieser feierlichen Selbstverpflichtung nicht verschweigt. Offenbar ist schon einige Zeit später der alte Schlendrian wieder eingekehrt. So endet das Nehemia-Buch mit dem geradezu schonungslosen Bericht von dem beginnenden Zerfall der Gemeinde und! der Verlotterung des sozialen und religiösen Lebens in Israel.
Klaus Jürgen Diehl

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