Loslassen, Gott loslassen
Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein.
Phil 2, 6
Harold Lloyd in seiner klassischen Szene: ängstlich die Riesenzeiger einer Uhr umklammernd, unter sich eine Straßenschlucht. In schwindelnder Höhe sein, sich nicht mehr halten können, loslassen, fallen? Der Alptraum ist perfekt.
Was ist Jesus für die Gottlosen? Gott für die Gottlosen und gott-los für die Gottlosen. Das ist der Herr, spätestens dieser Tage, wenn er den Fuß auf den Kreuzweg setzt. Es ist müßig, darum zu feilschen, ob man Gott besser via Christbaum oder via crucis erfahren kann. Was ist Jesus für die Gottlosen? Er ist für die Gottlosen, und er ist so für die Gottlosen, dass sie in ihrer Gottlosigkeit fallen dürfen, um in ihrer Gottlosigkeit gehalten zu sein.
Die heilige Woche tut nicht so, als wäre das ein Osterspaziergang - ein bisschen gruselig nur am Karfreitag. Die Szenen dieser Woche reißen uns alles aus der Hand, was vermeintliche oder bewährte Gottgewissheit war. Aug' in Auge mit Folterknechten und einer zynischen Verwaltung, auf wunden Knien einsam schreiend im Garten, der so schön sein könnte, kaum kräftig genug, den Balken zur Schädelstätte zu tragen, loslassen müssen und verlassen sein: das alles ist der Herr den Gottlosen dieser Tage. Und nur so kann er wirksam bei ihnen sein.
Michael Graff 
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