Wunder oder Statistik?
Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?
Johannes 11, 37
Nimmersatte Fragen der Leichenbeschauer. Als Lazarus herauskam, riefen sie Bravo, nachdem sie sich vom ersten Ekel erholt hatten. Zugabe, Zugabe, und man führte den Herrn zum Friedhof.
Alles oder nichts? Ist die Erfahrung des Wunderbaren nur dann akzeptabel, wenn sie sich als Prinzip erweist? Ist die Ausnahme verboten, weil wir die Regel hassen?
Angesichts der immer größer werdenden Not auf dieser Erde ist es nicht einfach, sich des eigenen Glücks zu erfreuen. (Und erst recht ist es nicht einfach, vom eigenen Unglück zu sprechen vor der Totalen des Weltuntergangs.) Also müsste eine Solidarität im gemeinsamen Unglück erzielt werden? War dies die heimliche Pointe der kommunistischen Staatsgebilde? Rettung erst dann, wenn alle gerettet werden, also nie?
Lazarus kommt heraus und wird später sterben. (Die Legende will, dass sie ihn niederstechen.) Maria und Marta werden sterben. Die Leichenbeschauer werden sterben. Und der Herr? Ist er nicht wunschgemäß auf dem Friedhof tätig? Nein, sagt die frustrierte Stimme am Ostermorgen, auch bei der Auferstehungsfeier blieb alles ruhig. Trotz Posaunenchor.
Den Blindgeborenen indes konnte niemand mehr beirren. Als er starb -Jahre später, endgültig erblindet und verkrüppelt -, da sah er großes Licht. Und Lazarus, Maria, Marta und auch Ihn, zur Rechten Gottes. Und er lachte und weinte mit seinem leeren Blick. Und die Statistik zuckte zusammen, ganz kurz nur.
Michael Graff 
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