Das Hohe Lied der Liebe
1. Korinther 13,1-13
Mitten in einem Paulusbrief, der gekennzeichnet ist von gemeindeinternen Spannungen und Konflikten, findet sich plötzlich dieser wunderbar-poetische Text: das Hohelied der Liebe. Es ist der bessere Weg gegenüber allem kleinlichen Hickhack und großspurerischem Gehabe in der Gemeinde in Korinth, den Paulus am Ende von 1. Korinther 12 (Vers 31) ankündigt: der Weg der Liebe. Liebe – was für ein Wort! Es ist ein bewegendes, faszinierendes, Menschen in Flammen setzendes Wort. Und es ist zugleich ein vielfach geschundenes, zertretenes und unter die Räuber gefallenes Wort. Auch unser Text ist oft missverstanden und missgedeutet worden. So, als ob wir Menschen uns nur ein wenig Mühe geben müssten, um zu jener Liebe fähig zu sein, die der Apostel hier besingt. Doch in uns selbst ist das Potenzial zu solch selbstloser, hingebungsvoller, andauernder Liebe nicht vorhanden. Sie kann nur als Geschenk empfangen werden. Sie ist darum weder mit Sexus noch Eros zu verwechseln. Paulus benutzt für Liebe stattdessen das Wort Agape: Jenes Wort, das immer dann im Neuen Testament verwandt wird, wenn von Gottes Liebe die Rede ist, etwa in Johannes 3,16: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Das also ist der benötigte Maßstab, um zu verstehen, was Paulus im Hohelied der Liebe besingt. Eine Liebe, die nicht blind ist, sondern sich an der Wahrheit freut (Vers 6). Und wenn diese Wahrheit auch noch so scharf und klar Schuld und Versagen aufdeckt: Sie lässt sich darüber nicht erbittern (Vers 5), noch zahlt sie mit gleicher Münze heim. Sie gibt keinen verloren. Weil es Gottes Liebe ist, muss niemand Angst haben, sie zu verspielen. Denn seine Liebe ist langmütig (Vers 4); sie verflüchtigt sich nicht wie der Nebel am Morgen, noch erkaltet sie. Und auch das gilt von dieser Liebe: Sie ist umfassend und total und grenzt niemanden aus (vgl. Vers 7). „Gott liebt jeden Menschen so, als ob es außer ihm keinen anderen gäbe, dem er seine Liebe schenken könnte" (Augustin). Menschenmöglich wird diese Liebe durch Gottes Geist, der in unsere Herzen ausgegossen ist (Römer 5,5; siehe oben Nr. 86). Wir können uns nach dieser Liebe ausstrecken, sie von Gott erbitten und uns von ihm damit beschenken lassen. Nicht, um uns in ihrem Glanz zu sonnen, sondern sie großzügig weiter zu verschenken.
Klaus Jürgen Diehl 
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