Frankfurt Jerusalem
Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm.
Offenbarung 21, 22
Schön, wir wohnen im halbhimmlischen Jerusalem. Einen Tempel sieht man bei uns jedenfalls auch nicht. Es gibt noch Kirchtürme, aber die Skyline besorgen andere. Stuttgarter Fernsehturm, Frankfurter Messeturm, da weiß man, wer was hat. In seiner »Erinnerung an Babylon« nennt Günter Kunert diese Türme »Asyle menschlicher Gebrechlichkeit bis zu den Wolken«. Ganz hübsch teuer, die Quadratmeterpreise in diesem Asyl. Weshalb um Himmels willen beschert uns der liebe Gott zuguterletzt wieder eine Stadt? Warum kein himmlisches Bergdorf, keine ewige Idylle, oder wenigstens ein feste Burg?
Die Stadt ist laut. Die Stadt ist teuer. Die Stadt stinkt. Die laute teure Stinkestadt muss erlöst werden. Sie ist ja voller Menschen. Und diese leiden nicht nur am Stau der Rush-hour, sondern am Heimweh nach Gott. Liedermacher und Poeten, Literaten und Filmregisseure erzählen davon. Ihr Babylon hat Namen. Ob das Dublin von James Joyce oder die »Streets of London«, ob Döblins »Alexanderplatz« oder »Mamma Roma«: in diesen Städten wird gelitten und gehofft. Und diese Städte sind nicht nur Erinnerung an Babylon, sondern auch Erinnerung an Jerusalem, an das ehemalige und an das kommende. »Der gute Gott von Manhattan«, »Jesus von Osaka«, »Jesus von Montreal«, »Der Himmel über Berlin«.
Wenn man genau hinsieht, sieht man unsere Tempel. Sie sind tatsächlich in ihren Sternstunden »Asyle menschlicher Gebrechlichkeit«. Wenn man noch genauer hinsieht, sieht man unser Lamm. Es sitzt in der Fußgängerzone, es kommt beim Schulweg unter die Straßenbahn, es wird von Skinheads zusammengeschlagen. Städte, Tempel, Lämmer. Komm, Jerusalem, komm!
Michael Graff

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