Mein Gott,
so viele Liebende!
Liebe Brüder, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe.
1. Johannes 4,7-8
Eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte zuerst: nicht alle, die eifrig mit Gott verkehren, haben ihn erkannt. Denn es mag ja sein, dass unter ihnen etliche ohne Liebe sind. Man kann es ihnen übrigens anmerken, wenn man sie einige Zeit beobachtet. Nun die gute Nachricht: nicht alle, die selten mit Gott verkehren, sind gottlos. Denn unter ihnen gibt es Liebende. Und auch das lässt sich beobachten.
Aber weder die Lieblosigkeit noch die Liebe ist zum Beobachten da. Der einen gehst du besser aus dem Weg, die andere machst du dir zu eigen. So wäre es am besten. Aber so ist die Welt nicht, auch nicht die kleine Welt der Christen. Beim Versuch, zu den Liebenden zu gehören, musst du unter den Lieblosen sein.
Die Ostergeschichte beginnt in der Passionszeit, und da sind die Knechte des Kaisers und die Verbrecher und der Judaskuss. Und inmitten dieser Lieblosigkeit ist er da, das Lamm unter den Wölfen, das den Jüngern die Füße wäscht, und der ihnen jetzt die Sünden verzeiht. Er ist der, der Petrus dreimal nach der Liebe fragt. Und Magdalena vor Glück weinen lässt.
Max Frisch versuchte ein Leben lang, sich aus der Lieblosigkeit in die Liebe hinüberzuschreiben, aus dem Tod ins Leben. Um ihn trauernd, zitiere ich aus seinem Tagebuch: »Wenn Sie einen Toten sehen: welche seiner Hoffnungen kommen Ihnen belanglos vor, die unerfüllten oder die erfüllten?« Und dies bedenkend trösten wir uns, wenn wir unseren Gott, der doch die Liebe ist, inmitten der Lieblosigkeit suchen müssen.
Michael Graff

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