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Guardinis Zeder

 

 

 

Auf die Höhe von Israels Bergland pflanze ich ihn. Dort treibt er dann Zweige, er trägt Früchte und wird zur prächtigen Zeder. Allerlei Vögel wohnen darin; alles, was Flügel hat, wohnt im Schatten ihrer Zweige. Dann werden alle Bäume auf den Feldern erkennen, dass ich der Herr bin.

 

Ez 17, 23-24

 

 

 

 

Ist das nun ein Zeichen von beginnender Altersschwäche, wenn man über die Jüngeren nachdenkt und seufzt? Ich habe da so ein Lieblingsthema. Es ist noch nicht reif, aber es wird im Lauf der Jahre dringender. Reden will ich von der Ehrfurcht. Ein Text von Romano Guardini bringt mich auf den Zusammenhang.

 

 

»Dann aber ist ein Baum da, der steht überhaupt nicht mehr darin. Es ist eine Zeder. Ich weiß sie mit keinem Baum der deutschen Wälder zu vergleichen; am ehesten noch mit ganz groß und frei gewachsenen Eichen. Der Stamm steigt wundervoll auf. Am Boden misst er dreieinhalb Meter im Umfang. Die Zweige gehen unten waagerecht hinaus, eben bis in die letzten Teilungen, von feinen Nadeln besetzt. Ich habe noch nie an einem Baum solche Macht und Anmut zugleich, solche hoheitsvolle Schönheit gesehen. Dieser Baum ist nicht Freund. Ich mag an ihm vorübergehen, so oft ich will: wenn der Blick das ungeheure Mal seines Stammes hinaufgleitet, seine Kraft spürt und seine Anmut fühlt, dann kommt die Ehrfurcht.«

 

 

Immer wieder stoße ich mich an dieser ungewöhnlichen Beobachtung Guardinis in einem italienischen Garten: Buchen, Pinien, und dann die Zeder. Warum darf sie nicht Freund sein? Sie ist anders. Sie ist erhaben. Wir lächeln, wenn man uns vom Erhabenen daherredet. Weil es lächerlich ist, Erhabenes durch Beredsamkeit herstellen zu wollen. Aber dass es das gibt, habe ich nie bezweifelt. Und dass ich nicht alles umarmen soll.

 

 

 

Michael Graff

 




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