
Zweimal drei Artikel
Eine Information.
In der weltweiten Christenheit gibt es ein Dokument ganz besonderer Art, das in den meisten Kirchen zu Hause ist. Es ist das „Apostolische Glaubensbekenntnis“, auch Credo genannt. Credo heißt „Ich glaube“, es sind die ersten beiden Worte dieses altkirchlichen Bekenntnisses. In der Liturgie, der Feier des Gottesdienstes, wird es gemeinsam und stehend gesprochen. Viele sprechen es mit geschlossenen Augen wie ein Gebet. Besser wäre es, wenn sich die Christen in einen Kreis stellten und es einander mit offenem Angesicht zusprechen würden. Es dient der Klärung des Glaubens nach innen und nach außen. Spirituell und missionarisch.
Das Glaubensbekenntnis hat drei „Artikel“, in denen die frühe Kirche die wesentlichen Wahrheiten des Glaubens komprimiert zusammengefasst hat. Der erste Artikel bekennt Gott als den Schöpfer des Universums und des Menschen. Der zweite Artikel bekennt Jesus Christus als den Sohn Gottes, den Heiland aller Menschen und den Herrn der Gemeinde. Der dritte Artikel bekennt den Heiligen Geist, in dem der lebendige Gott gegenwärtig ist, die Kirche beruft und den Glaubenden die Gewissheit des Glaubens schenkt.
Haben, Können, Wissen.
Doch aufgepasst, es gibt ein säkulares Credo, das wir Zeitgenossen kaum mit Worten bekennen, doch ganz konsequent zu leben verstehen. Es schleicht sich in alle Bereiches des Lebens wie eine Schlange. Es hat auch drei Artikel:
Erster Artikel: Hast du was, dann bist du was.
Zweiter Artikel: Kannst du was, dann bist du was.
Dritter Artikel: Weißt du was, dann bist du was.
Die Macht des Habens.
Die Macht des Habens ist für uns Erdenbürger faszinierend. Der Mammon sei „geronnene Macht“ hat ein Theologe vor langen Jahren geschrieben (Adolf von Harnack). Er bezog sich auf das Jesuswort aus der Bergpredigt: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen.“ Ein starkes Wort gegen die verantwortungslose und egoistische Jagd nach Geld und Besitz. Jesus ging es nicht um die radikale Ablehnung von Eigentum. Sein Wort richtete sich jedoch radikal gegen die Abschiebung Gottes aus dem Leben und die Einsetzung des Mammon an die Stelle Gottes. Das 1. Gebot der zehn Gebote zieht sich durch die ganze Glaubensbotschaft der Bibel: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Götter sind Götzen und dienen als Gottesersatz. Wer Gott aus seinem Leben entfernt, muss dafür einen anderen Halt herstellen. Er nimmt dafür die Sachen dieser Welt und dahinter sich selbst, er macht Dinge und sich selbst zum Gott seines Lebens.
Nun wird von kaum einer von uns unter der Last von dicken Konten leiden. Und doch stellen wir die Frage, ob der Sinn des Lebens in der Befriedigung des Artikels „Hast du was, dann bist du was“ besteht. Es gibt ja viele Spielarten der Macht als persönliche Befriedigung. In Ehen gibt es Machtausübung. Ebenso in der Beziehung von Schülern und Lehrern. In der Wirtschaft wie auch in der Politik wird oft entsetzlich gleichgültig über das Schicksal von Menschen entschieden. Der Egoismus ist auf allen Gebieten des Lebens Machtausübung. Wer ist der Chef in meinem Leben?
Ist es eine fremde Macht, oder ist es „die Macht der Liebe“ von der ein Choral singt. „Die sich in Jesus offenbart“ lautet die Fortsetzung der Liedstrophe. Der Glaube an Jesus führt in uns zu einer Revolution des Denkens und der Lebensgestaltung. Jedenfalls kann er es. „Was ist das Geheimnis ihres Lebens?“ wurde Mutter Teresa in Kalkutta gefragt. „Mein Geheimnis ist ganz einfach“ antwortete sie, „Christus lebt in mir.“ Die Umkehr zu Gott ist stets ein Herrschaftswechsel.
Können als beherrschendes Prinzip.
Können ist das beherrschende Prinzip des Lebens in der Gesellschaft. Ein Mensch ist so viel wert wie er etwas kann und vermag. „Ich kann alles“, sagte ein munterer Handwerker. Damit bot er bei einer Arbeit im Hause seine Bereitschaft zur Hilfeleistung an. Man freute sich, er gab nicht an, er bot seine Hilfe an. Das ist gut so. Wenn wir zu einer Operation in eine Klinik müssen, gehen wir davon aus, dass der Chirurg es kann, dass er ein Könner in seinem Fach ist. Auch das ist total normal. Niemand wird dem widersprechen. Problematisch wird es jedoch, wenn das Prinzip: „Kannst du was, dann bist du was“ zum Credo wird, also zur Bestimmung unseres Lebens. Hier wird das Können zur Qual, weil es uns hetzt und zwingt, uns überfordert und am Ende wortwörtlich krank macht. Oder auch arrogant und stolz macht.
Man gehe in eine Einrichtung, die sich um körperlich und geistig begrenzte Menschen kümmern. Da strahlt mich ein junger Mann an, der ein Down-Syndrom hat. Er hat also eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung, die sich auch in seinem Erscheinungsbild zeigt. Er kann kaum etwas leisten, er ist geistig und körperlich eingeschränkt, doch er fegt im Herbst mit Begeisterung die Blätter vom Bürgersteig und trägt mittags das Geschirr in die Küche. Und er lacht fröhlich wie viele seiner Art. Der zweite Artikel des säkularen Credos ist die pure Verachtung dieses jungen Mannes. Er ist ein vollgültiges Geschöpf Gottes, sein Wert lässt sich und darf auch nicht nach dem Können und der Leistung gemessen werden. Gleiches gilt für gering begabte Schülerinnen und Schüler. Auch für alt gewordene Frauen und Männer, die oft nur noch tapfer ihren persönlichen Alltag bewältigen können.
Es gibt einen Riesensatz von Paulus, dem Apostel, der selbst an einer offenbar schweren Belastung litt: „Ich vermag, kann alles durch den, der mich mächtig macht. Christus.“ Das ist kein Leistungsprinzip, sondern ein Glaubensweg, den er geht. „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides. Überfluss haben und Mangel leiden.“ Das ist ein Protest gegen die Verachtung der Geringen und Schwachen, dabei keine Verachtung der Starken und Könner, doch alles hängt in dem Satz zusammen: „Christus hat mich ergriffen.“
Wissen ist Macht.
„Wissen ist Macht.“ Da haben wir es wieder. Wir müssen uns nicht lange darüber unterhalten. Die Linie unserer Besinnung ist klar erkennbar. Man spricht vom Wissensvorsprung, er wird in der Industrie und in der Politik voll genutzt. Das ist nicht prinzipiell falsch, denn ein Forscher kämpft geradezu um Erkenntnisse, die zu Ergebnissen werden. Nur so kommen sie oder er oder das Team voran in der Forschung. Auch Reporter und Journalisten insgesamt wollen eine Meldung möglichst schnell in ihr Blatt bringen. Das ist ihr Beruf und es ist o. k.
Wenn jemand jedoch die Begabung mit einer hohen Intelligenz und durch Studium erworbenen Kenntnisse zur seelischen und beruflichen Unterdrückung anderer Menschen nutzt, ist alles total verkehrt. Und wenn er gar meint, dass er mit seinem Gehirn die „Wahrheit des Evangeliums“ (Galater 2, 5, 14) beseitigen kann, überschreitet er Grenzen, die ein vernunftbegabter Mensch achten sollte. Das ist keine fromme Phrase, auch wenn ein Leser es so empfinden sollte, sondern ein guter Rat. Wenn die Vernunft vernünftig ist, weiß sie, dass auch sie begrenzt ist und sich nicht unseriös gebärden sollte. Gott ist ein ausgesprochener Freund der Vernunft, darum heilt er sie und öffnet sie für seinen guten heiligen Geist.
In der Erklärung zum dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses schreibt Martin Luther: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glauben und zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten…“ Um diesen guten Geist darf einer beten, und er kommt.
Johannes Hansen 
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