Minder- wertig- keits- Komplexe
Das Wort „minderwertig“ ist grausam, wenn es auf Menschen bezogen wird. Material kann minderwertig sein. Als bei einem großen Sturm Strommasten umknickten, las man in der Presse, es sei vor vielen Jahren beim Bau ein minderwertiger Stahl verwendet worden. Material kann auf den verschiedensten Gebieten minderwertig sein. Doch niemals ein Mensch, oder Gruppen von Menschen. Das muss jeder beim Thema Minderwertigkeitskomplexe zuerst wissen. Übrigens auch vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte. Die Rassenlehre der Nazis ging mit diesem Begriff mörderisch um. Es gibt keine minderwertigen Menschen, die man damals in die Gaskammern schickte. Ein Mensch hat seine volle Würde, auch wenn er mit den oft beschwerlichen Minderwertigkeitskomplexen belastet ist. Jeder Mensch ist einzigartig. Und das auch wenn er schwach und fehlerhaft ist. Die Person muss unabhängig von ihren seelischen und körperlichen Belastungen geachtet werden. Wer das nicht weiß, kann sich und anderen nicht helfen. Außerdem leben wir hier alle in Solidarität. Der Psychologe Alfred Adler (1870 – 1937), der den Begriff „Minderwertigkeitskomplexe“ in die Psychologie einbrachte und sie erforschte, hat sogar gemeint, dass jeder Mensch diese psychische Erfahrung in unterschiedlicher Art kennt. In unserer seelischen Entwicklung sind krisenhafte Erfahrungen ganz normal. Wir wurden als Menschen geboren und doch werden wir Schritt für Schritt zu bewussten Menschen.
Für Christen ist jeder Mensch ein Geschöpf Gottes. Doch auch die Einsicht, dass wir Menschen uns von Gott distanzieren und in die furchtbare Gefahr geraten, unser innerstes Geheimnis zu verlieren. Gott hat eingegriffen und uns durch Jesus, seinem Christus herausgeholt aus der „Gottesferne“ wie die Alten sie nannten. Im Vertrauen auf diese Tatsachenwahrheit gewinnen wir unsere volle Würde zurück und werden zu „neuen Menschen“. Hier beginnt der tiefste Heilungsprozess, den es auch für diese Not gibt. Die Heilung von der Selbstverachtung. Das nämlich sind die Gefühle der Minderwertigkeit.
Wie sich Minderwertigkeitskomplexe zeigen, ist uns bekannt. Man kann bei einem weisen Satz des Dänen Sören Kierkegaard ansetzen: „Alle Not kommt aus dem Vergleichen.“ In unserer Entwicklung haben wir bestimmte Vorbilder vor Augen, denen wir nachstreben. Und in der Spiegelung zu diesen Menschen mit ihren Begabungen und ihrer Erscheinung beginnt es. Wir fühlen uns zu groß oder zu klein, zu dick oder zu dünn, zu kahl oder zu haarig, wir mögen uns selbst nicht leiden. Mich nimmt doch keiner ernst, ich werde ständig übersehen, niemand mag mich, keiner lobt mich, ich stehe bei Gruppen stets in einer Ecke. Kurz gesagt, ich fühle mich unwichtig, unbegabt, nicht attraktiv, irgendwie missglückt. Diese Stimmungen zeigen sich mehr und mehr als Störungen, die im Ernstfall behandelt werden müssen. Vor allem, wenn sie schließlich zu Depressionen oder gar zu Suizidneigungen führen.
Niemand muss sich selbst ablehnen. Jeder ist ein reich Beschenkter.
Er darf sich als von Gott gewollt, geliebt und anerkannt verstehen lernen. Gott hat mich bei meinem Namen gerufen, ich bin sein Eigentum. So redet die Bibel in immer neuen Variationen. Liebe ist Therapie. Der größte Therapeut ist Jesus. Man lese die Geschichten der vier Evangelien des Neuen Testamentes. Und jedes Mal mit der Frage: Was bedeutet diese Geschichte von damals für mein Lebensbewusstsein? Ich kann mich mehr und mehr bewusst von den Spiegelungen trennen, die meine Seele belasten. Ich bin nicht so viel wert, wie ich aussehe, was ich leiste, was in meinen Zeugnissen steht, was die Leute von mir denken könnten. Das alles ist zur Bewertung meiner Person nicht geeignet. Gott bewertet mein Leben ganz neu. „Ihr seid teuer erkauft“, Gott hat alles für mich gezahlt, was er hatte. Seinen Sohn hat er für mich dahingegeben. Mit ihm hat er mir alles geschenkt.
Wer das begreift, hat ganz neue Möglichkeiten. Eines der stärksten Worte der Bibel steht für mich im zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in der Stadt Korinth: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.“ Das ist ein Basis-Satz für die Überwindung auch unserer Minderwertigkeitkomplexe. Hören wir doch auf, uns selbst zu verachten. Oder umgekehrt: hören wir doch auf, zwanghaft etwas aus uns zu machen. Das wäre die Kehrseite der Selbstverachtung, eben das, was in der alten Sprache „Hochmut“ hieß. Heute sprechen wir von Arroganz. Seien sie doch, was sie sind. Ein von Gott geliebter und wertvoll gemachter Mensch.
Johannes Hansen 
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