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Alles umsonst

 

 

 

Orientalische Basare waren schon immer voller Leben. Anders als unsere eher langweiligen mitteleuropäischen Märkte. Das Volk drängte sich durch die Gassen der Basar-Stände. In manchen Ländern Asiens sind die Besitzer auf den Märkten auch heute noch wichtige Leute in der politischen Landschaft.

 

Auch im Irak war das so. Auf seinem Gebiet lag die Stadt Babel und das Land Babylon. Mich begeisterte schon immer der in der Bibel geschilderte Marktschreier im Prophetenbuch Jesaja, Kapitel 55, 1 – 5.   Man nennt diesen Propheten auch den „Evangelisten des Alten Testamentes.“ Er wirkte in der Mitte des 6.  Jahrhunderts vor Christus unter den nach Babel weggeführten Menschen aus Jerusalem und dem umliegenden Land. Sie saßen dort mit ihren Depressionen und dem Verlust aller Lebensperspektiven. „Fremdarbeiter“ im fernen Land. Wie Sklaven fühlten sie sich.

 

Doch nun stelle man es sich vor, was dort durch den Propheten ausgerufen wird. Das Bild ist unübertroffen schön:  Überall auf dem Markt bieten Männer und Frauen ihre Waren an. Die einen sanft, die anderen laut. Doch plötzlich geschieht im allgemeinen Trubel etwas, was es noch nie gab. Ein „Marktschreier“ ruft es laut hinaus, dass es ja alle hören können.

 

„Wohlan, all ihr Dürstenden, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt ohne Geld, kauft Getreide und esst ohne Bezahlung Wein und Milch! Warum wägt ihr Silber für das, was kein Brot ist, und gebt euer mühsam Erworbenes für das, was nicht sättigt? Hört doch auf mich, und ihr sollt das Beste essen, und eure Seele soll sich am Fett laben, Hört, und eure Seele wird leben.“ ( nach „Jerusalemer Bibel“, bei Herder)

 

Umsonst und noch einmal umsonst, alles umsonst. Hier stehen wir mitten in der revolutionären Befreiungsbotschaft der Bibel. Alles ist gratis, unentgeltlich. Gott lässt sich nichts bezahlen. Er allein ist der Erlöser, der Freimacher aus jeder Sklaverei, wir können uns nicht selbst loskaufen. Was Gott uns ausgelaugten, abgebrannten und in der Seele kaputten Leuten geben will, kriegen wir umsonst. Unsere religiösen Anstrengungen sind eine wertlose Währung. Unsere moralisch-religiösen Angebote an Gott laufen ins Leere. Er will uns überschütten mit seiner Liebe. Anders bekommt unser Leben keinen letzten Sinn. Warum esst ihr Sachen, die nicht gut und gesund sind, fragt er bis heute. Mir fällt das Wort „Gammelfleisch“ dabei ein.  Gott will seinen verzagten Leuten in Babel und weiter in der ganzen Welt Gutes geben, das Brot des Lebens. Umsonst, geschenkweise, gratis. „Glaubstu, so hastu, glaubstu nit, so hastu nit.“ und  „so große Dinge kann der Glaube tun“, fügt Martin Luther hinzu.

 

Hier wird das für heutige Menschen schwer zu verstehende Wort „Gnade“  beschrieben. Sie ist Gottes großes Entgegenkommen, sein befreiendes Angebot an uns. Die Gnade kommt beim Hören des Evangeliums ganz allein von Gott her in unser Herz und Leben. Niemand kann sich Schuld und Versagen selbst vergeben. Keiner kann sich im Sterben selbst trösten. Niemand kann sich die verlorene Würde vor Gott selbst geben. Diese Würde ist der eigentliche Sinn des Lebens.  Da kann nur Gott helfen. Gnade heißt Geschenk, ohne jede Einschränkung. Wer etwas dazu tun will, macht alles kaputt. Der für die ganze Christenheit bedeutendste Theologe Paulus fasst die Botschaft des „Marktschreiers“ in Babel sozusagen in einem Satz zusammen, der alles umstürzt, was sich der Mensch gemeinhin unter Religion vorstellt: „Alle werden ohne Verdienst (geschenkweise) gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Römer 3, 24) Gerecht heißt wieder in Ordnung kommen mit seinem Gott. Das hat Gott selbst für uns getan. So bekommt das Leben wieder Klarheit, inneren Frieden und das Temperament der Liebe. Keine Sorge, da bleibt man nicht faul im Sofa hocken. Die Gnade treibt den Glaubenden an. Zur Liebe, zum Bekennen, zur Mitarbeit in seiner Gemeinde.

 

In dieser Woche feiert die evangelische Christenheit das „Reformationsfest“ in Erinnerung an die vor allem durch Martin Luther eingeleitete Erneuerung der Kirche zum Glauben an die in der Heiligen Schrift bezeugte Wahrheit von der „Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben.“ Sie richtete sich nicht gegen irgendwen, sondern wollte mitten in der damaligen römisch katholischen Kirche ein Neues beginnen. Luther wollte keine Kirche gründen, schon gar nicht eine nach seinem Namen genannte. Er rief den Glauben als ein Befreiungsgeschehen aus. Inmitten von politischen Entwicklungen entstanden dann erst nach und nach die „reformatorischen Kirchen“,

 

Christen glauben, dass Gott ganz einseitig und umsonst, unsere durch die Sünde zerstörte Gottesbeziehung zu-recht gebracht hat. „Durch Christus Jesus.“ Gemeint ist der „für uns“ und „für alle“ am Kreuz gerichtete Sohn Gottes. Ihm hat er alles aufgepackt, was uns zerstörte und unser Verhältnis zu Gott kaputt macht. Wer an Christus glaubt, ist wieder ganz bei Gott. Diese Predigt hat Luther selbst ein „Geschrei“ genannt. Alle sollen es hören und sich freuen.

 

Zu viel Theologie? Die wenigen Informationen brauchen der aufgeschlossene Bürger und die Bürgerin mindestens. Der Glaube der Christen ist ein denkender Glaube. Ich mag mir einen nur gefühlten Glauben nicht vorstellen. Dafür ist unsere Psyche zu schwammig, zu sentimental. Doch wenn der heilige Geist in uns funkt, dann bricht auch die temperamentvolle Freude der Gewissheit des Glaubens durch.

 

Und keine Sorge, dieser Glaube lässt uns nicht faul in der Sofaecke sitzen. Er bringt unser Leben in Bewegung nach vorn. In der Liebe wird er konkret. Wer diese Befreiung erfährt, kann nicht mehr schweigen. Er wird die rettende Information des Glaubens weitersagen. Und sie umsetzen „im Tun des Gerechten“. (Dietrich Bonhoeffer.)

 

 

 

 

Johannes Hansen




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