Ölkrise
Die Törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl.
Matthäus 25, 3
Meistens tun sie mir leid, die törichten Jungfrauen. Gottes Liebe kommt einem in diesem Text ziemlich ungnädig entgegen. Liebt er sonst nicht die leeren Hände? Und sollte die Dummheit ein Hindernis sein auf dem Weg ins Reich Gottes? (Darüber wollte man andrerseits gern mehr hören.)
Die Geschichte mit den Öllämpchen hat mir als Kind gut gefallen. Fragen kamen später, denn die Logik auf den ersten Blick war klar. Auch daheim gab es im Keller Kompott und Marmeladen, Briketts und Eierkohlen. Außerdem hatte ich zwei Hamster. Vorratshaltung ist immer eine gute Sache, aber sollte das schon der Witz des Evangeliums sein? Nun geht es ja nicht einmal um Vorräte, sondern nur um den Brennstoff für den rechten Augenblick. Mädchen, ohne Öl geben eure Funzeln nicht viel her! Habt ihr jemals überlegt, wie so ein Lämpchen funktioniert?
Obwohl sie mir immer noch leid tun, diese dummen Hühner, und obwohl ich Gott viel zutraue im Blick auf ihre Rettung, bin ich froh, dass ab und zu der technische Sachverstand gewürdigt wird. Wir hatten mal einen Oberministrant, der seine Position auf den Punkt brachte: »Ich bin nicht so fürs Religiöse, ich bin mehr fürs Praktische.« Ich denke, das ist ein Text für ihn. Und es wäre gut für die Kirche, wenn es mehr praktische Leute gäbe. Vor allem dann ist das vorteilhaft, wenn der Bräutigam auf sich warten lässt.
Michael Graff 
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