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Provokationen

 

 


Mich beschäftigt eine seltsame Beobachtung: Der Zweifel hat sich verflüchtigt, er ist weg, so scheint es mir. Früher gab es noch heiße Gespräche über den Glaubenszweifel, besonders mit jungen Menschen. Ganze Nächte brachten sie damit zu. Die Köpfe rauchten, manchmal heulte sogar jemand los, so sehr hatte ihn der Zweifel an Gott, an Jesus Christus, an der Bibel gepackt. Dazu kam die Frage nach dem Sinn des Lebens, die in Jahren immer neu diskutiert wurde. Bücher erschienen zum Thema, in Zeitungen  Artikel, viele fragten in den Kirche nach Antworten. Es war der große Zweifel am Sinn der Welt insgesamt, doch dann auch der Zweifel am Sinn des eigenen Lebens. Es war die Zeit der „Hochrüstung“ zwischen West und Ost. Es hing die „Atomangst“ über der Welt. Waren nur das die Auslöser?

 

Doch ich frage weiter, ob die leidenschaftlichen Grundfragen nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens inzwischen verdunstet sind? Haben wir alles relativiert? Also weggedacht, ausgeschlossen, für nutzlos erachtet? Mit den Folgen für das ganze Leben? Soll man heiraten, wenn man liebt? Warum,  ist doch alles relativ. An Gott glauben? An welchen denn? Ist doch alles relativ. Einander verzeihen? Wieso denn? Ist doch alles relativ. Und was ist nach dem Sterben? Egal, ist doch alles relativ.

 

Bin ich etwa naiv, wenn ich meine, dass die leidenschaftliche Suche nach einer alles tragenden Wahrheit zum Leben gehört? Ich meine hier nicht den naturwissenschaftlichen Zweifel, der seine jeweiligen Ergebnisse kritisch hinterfragt, um zu noch klareren Ergebnissen zu kommen. Diese Art „Zweifel“ ist selbstverständliche Grundlage der Forschungen und gewiss auch der Technik. Wer eine große Brücke konstruiert, wird alles bis zum letzten Millimeter kritisch prüfen. Alles andere wäre leichtfertig und höchst gefährlich. Aber muss dieser Ansatz nicht auch für mein Leben gelten?

 

Warum ist der Zweifel an den Grundwahrheiten des Lebens bei unzähligen Menschen in unserem Kulturkreis nicht mehr da? Wer keine existentiellen Zweifel kennt, hat nach meiner Überzeugung sein Leben noch nie zu Ende gedacht. Allein schon die Endlichkeit des Lebens, also die Krankheiten, die Naturkatastrophen, das oft rätselhafte und frühe Sterben von Menschen in unserer Umgebung müsste das kritische Denken veranlassen. Offenbar täusche ich mich. Wird das ganze Leben derart relativiert, das niemand mehr leiden, weinen und trauern kann?

 

Warum schreibe ich das? Will ich Krisen ankurbeln, Leute unglücklich machen, oder mit dem religiösen Knüppel drohen will, damit sie sich dem Glauben zuwenden? Nein und noch einmal nein. Wenn ich das täte, würde ich mit dem Teufel zusammenarbeiten. Wer aus Angst zu Gott kommt, wer sich in Verzweiflungen hinein grübelt, um fromm zu werden, wird nicht fromm, sondern krank.

 

Ich möchte hier nur plädieren für die Wahrhaftigkeit vor sich selbst, vor dem Leben und so auch vor dem Urgrund des Lebens, ob eine/r ihn nun das Woher oder Wohin des Lebens nennt, oder vielleicht sogar Gott. Wer sein Leben als Glück erlebt, wer erfolgreich ist im Leben, wer einen Menschen liebt, oder seine Kinder, der sollte nicht so leben, als gäbe es keine Fragen. Diese „Relativitätstheorie“ ist nicht von Einstein, sie ist von uns selbst, sie macht das eigene Leben relativ. Man entwürdigt sich selbst.

 

Warum müssen es erst die sog. „Schicksalsschläge“ sein, die einen Menschen erschüttern? Kommt es ganz hart, entdecken ja manchmal sogar Atheisten die „Gottesfrage“. Plötzlich wird irgendeinem Gott vorgeworfen, er habe nicht funktioniert wie es sich für einen Gott gehört.  Das Leben hat doch in seinem vollen Dasein so viele Anlässe zur Nachdenklichkeit. So dürfte es doch total normal sein, dass ein junger Mensch, doch auch ein älter gewordener über den Tellerrand seines alltäglichen Leben hinausschauen muss.

 

Warum so sehr unter dem Niveau des Lebens bleiben? Konnten, Examen, gesellschaftliche Anerkennung, gutes Aussehen, Erfolg im Beruf, fachliche Bildung und vieles mehr sind nicht sinnlos, doch nicht die tiefste Erfüllung des Lebens. John Lennon sagte es: „Es ist alles ein riesiger Betrug. Die Leute denken, die Beatles wissen, wohin sie gehen. Wir wissen es nicht. Wir leben nur so dahin.“

 

Doch das muss nicht so weitergehen. Wir können Innehalten (ein gutes altes Wort), wir können ehrlich werden, auch vor Gott und umkehren zu ihm, dem tiefsten Geheimnis des Lebens. Dann sind wir wieder zu Hause. Und endlich auch bei uns selbst. Es gibt so etwas wie „Bekehrungen“, Umkehrungen des Lebens hin zu dem Gott. Der sich uns in Liebe zugekehrt hat. Jesus hat ihn uns bekannt gemacht.

 

 

Johannes Hansen

 




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