Kreuzigung und Dummheit
Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
1. Korinther 2, 8
Was mich nicht mehr loslässt, ist die Frage, wie viel Böses aus Dummheit entsteht. Nicht dieses Was-wäre-wenn interessiert mich, sondern der Anteil der Dummheit am Kreuzweg. Jesus vor dem Hohen Rat, Jesus vor Pilatus, Jesus vor den Zoten der Soldaten.
In dem polnischen Spielfilm »Abel, dein Bruder« stirbt ein Kind, ein höfliches, intelligentes Kind. Der Bub kommt neu in eine Schulklasse und ist dem rauen Klima nicht gewachsen. Er ist nicht nur zu gut, sondern auch zu feinsinnig für diese Welt. Tonangebend sind Dummschwätzer und Raufbolde. Dabei wirken sie, diese wüsten, kleinen Tyrannen, auf ihre Art nicht eigentlich böse. Sie sind ja selber geplagte Kinder dieser Welt. Sie »wissen nicht, was sie tun«. Der Fremdling wird sterben, und die Hirnhautentzündung ist nur Notwehr des schmächtigen Körpers. So will es der Film.
Ich weiß, es gibt auch die Seligkeit der »Armen im Geiste«. Und man hat mir gesagt, die Weisheit Gottes sei nicht durch scharfen Verstand, sondern durch Demut zu erkennen. Doch unter den Heiligen finde ich bemerkenswert viele Denker. Leuten von ihrem Format möchte ich das Schicksal der bedrängten Kreatur am liebsten anvertrauen.
Michael Graff

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