Ins rechte
Licht gerückt
Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.
Joh 3, 19-21
Mit Licht kann man foltern. Auch die Kinder des Lichtes brauchen ein paar Stunden Nacht. »Wir brauchen immer wieder sichere Höhlen, in die wir uns zurückziehen können, und sei es auch nur jene des Schlafs« (Friedrich Dürrenmatt).
Ans Licht gezerrt sehen viele von uns nicht gut aus. Wenn das Evangelium wirklich Evangelium ist, also frohmacht und heil, dann muss es sich um ein besonderes Licht handeln, in das wir nicht gezerrt, sondern gerettet werden. Der Weg des göttlichen Lichts nimmt seinen Anfang im Dunkeln. Die Augen, die armen Augen, die Augen der bösen Menschen, also meine und deine Augen, sie dürfen sich ans Licht gewöhnen. Sie dürfen in der Begegnung mit Jesus lernen, wozu das Licht gut sein wird. Und sie lernen sein Gericht kennen und - lieben. Das ist ein Prozess, aber nicht der von Kafka. Es ist der Prozess Jesu, aber nicht der vor Pontius Pilatus. Es ist der Prozess der Menschwerdung und der Prozess der Erlösung, und der dauert ein Leben lang.
Wer das Gericht betont und die Sünder mit plötzlichem Licht überschüttet, mit Segen und Sakrament und Kirche und allen guten Geistern, wird enttäuscht feststellen, dass viele das nicht wollen. Ihre Augen brauchen Zeit.
Michael Graff 
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