Unbenanntes Dokument


Suchen und gehen
und sagen und sehen

 

Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

Markus 16, 6-7

 

 

Jener interessierte Herr mit Bart und Brille und einem gestörten Verhältnis zur Kirche sei »ein Suchender«, sagte mir der Tagungsleiter. Er sagt es nicht vorwurfsvoll, auch nicht entschuldigend, aber doch mit einem Tonfall, als wolle er mich auf etwas Besonderes aufmerksam machen. Ja, da schau her: ein Suchender bei einer kirchlichen Abendveranstaltung!

 

Die Osterbotschaft setzt das Suchen voraus. Genau genommen beginnt es sogar mit dem Erschrecken. »Im Anfang das Erschrecken«, habe ich vor Jahren als ersten Satz eines Buchs notiert: »Ich möchte glauben. Wegbeschreibung.« Es ist längst vergriffen. Den Weg suche ich immer noch, alle Jahre neu, Ostern hin, Ostern her. Kaum habe ich ihn gefunden, begegne ich dem Auferstandenen. Kaum gehe ich zu den Leuten, die sich um Petrus versammeln, um von Ostern zu erzählen, stelle ich fest, dass der Gefundene schon wieder unterwegs ist. Kaum bin ich in Galiläa, ist er im Baltikum oder in Törbel. Kaum bin ich in Törbel.

 

Immer beginnt der Ostermorgen mit dem Blick durch den Sucher. Und immer ist es dieser treue Blick, der uns auf den Weg bringt. Ach, und immer führt uns der erste Gang ans Grab. Magdalena beispielsweise, die die Liebe nicht blind macht. Dass Liebe blind macht, sagen nur die Lieblosen. Aber die haben an Ostern sowieso nichts zu suchen.

 

Michael Graff




© Nachdruck und Veröffentlichung nicht gestattet. Nur zum persönlichen Gebrauch.
gott.net e. V., Am Denkmal 2, 48249 Dülmen Tel.: 02590-915 810
E-Mail: info@gott.net, Internet: www.gott.net
Spendenkonto: Nr. 88080 bei der KD-Bank Dortmund (BLZ 350 601 90).