Nur
die Befreiten
können folgen
Dann sprach Gott alle diese Worte: Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.
Ex 20, 1-3
Sklavenhäuser gab und gibt es viele auf der Welt. Das biblische Ägypten wirkt nachgerade moderat. In sinnentstellender Anwendung einer berüchtigten Formel von Bertolt Brecht kann man festhalten: Zuerst kam das Fressen und dann die Moral. Und die Moral wurde immer wieder morsch, wenn man an die Fleischtöpfe dachte.
Du sollst? Du darfst nicht? Das geht nur, wenn du kannst. Und das Können ist nicht in dein Wollen gestellt, sondern eine Folge der Befreiung. Bist du frei, dann kannst du folgen. Bist du unfrei, dann rebelliert nicht nur der leere Magen, dann rebelliert der ganze Mensch. Gewiss, auch im Kampf des guten Willens kennst du deine zehn Gebote. Und probierst es immer wieder. Und schämst dich.
Immer wieder muss Mose vor Gott für sein Volk eintreten. Aber erst recht muss Mose von seinem Gott lernen, was Barmherzigkeit ist. Denn der Heilige neigt stets zur Überschätzung seiner Zeitgenossen. Die Befreiung dauert in ihrer ersten Phase mindestens vierzig Jahre, und am gefährlichsten war nicht der Zug durchs Schilfmeer, sondern die Anstrengung der Ebene, die Langeweile und Vergesslichkeit im Lauf der Zeit. Die Befreiung war nicht am Ziel, als Jericho erobert wurde.
Und kleinlaut dürfen wir nach Ostern alsbald wieder Buße tun, denn die Sklaverei ist attraktiv geblieben, und der Exodus geht weiter, solange wir da sind.
Michael Graff

|
© Nachdruck und Veröffentlichung nicht gestattet. Nur zum persönlichen Gebrauch. gott.net e. V., Am Denkmal 2, 48249 Dülmen Tel.: 02590-915 810
E-Mail: info@gott.net, Internet: www.gott.net Spendenkonto: Nr. 88080 bei der KD-Bank Dortmund (BLZ 350 601 90). |