Toleranz – Intoleranz
Bin ich intolerant, wenn ich meine, dass unsere Bundeskanzlerin bei der Eröffnung der Oper in Oslo in ihrem Abendkleid ein zu gewagtes Dekolletee trug? Die Diskussion ging gerade durch die Presse. Ich lasse ihr aber gerne ihre Freiheit. Nun bin ich wieder tolerant.
Aber geschenkt, geschenkt, es gibt schwierigere Fragen zum Thema Toleranz. „Alle Religionen beten doch zu einem Gott.“ So sagte mir jemand und ich reagierte freundlich: „Da habe ich eine andere Überzeugung. Es gibt nur den einen und einzigartigen Gott, der sich durch Jesus Christus bekannt gemacht hat. Und der gehört nicht in die Gottes-Galerie der Religionen, die sich über die Erde hinzieht.“ Er schaute mich etwas irritiert an und hält mich eventuell ab jetzt für einen intoleranten Menschen, oder auch gleich für einen Fundamentalisten? Man muss doch den Menschen ihre religiösen Überzeugungen lassen und sich nicht über sie erheben, denkt er.
Er hat ja völlig Recht. Sich über Andersdenkende überheben ist arrogant und es ärgert mich, wenn es geschieht. Doch ist mein Bekenntnis intolerant? Selbst wenn Diskussionen einmal mit „harter Kante“ geführt werden, ich verteidige die Freiheit des Andersdenkenden gegen alle, die ihm diese Freiheit nicht lassen. Aber ich muss dennoch seiner Meinung nicht beipflichten. Und bleibe dabei tolerant. Oder? Wenn jeder jedem in allen Fragen „tolerant“ zustimmen müsste, wären wir hochgradig unwahrhaftig. Es wäre geradezu lächerlich. Dann würde eine Diktatur der Toleranz ausbrechen und alles verwirren. Toleranz ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit in der Wahrheitsfrage. Wir brauchen alle den Diskurs in den wichtigen Lebensfragen. Auch ihres Glaubens gewisse Christen brauchen ihn. Schon um ihre Mitmenschen besser zu verstehen.
Der Andersdenkende hat übrigens genau so das Recht, mir meine Überzeugung zu bestreiten. Das gilt nicht nur bei Glaubensfragen, sondern auch für politische Überzeugungen. Niemand kann seine politische Überzeugung zur Bedingung für alle machen. Dann hätten wir im Kleinen eine Diktatur in unseren Familien. Im Großen lebten wir in einer Diktatur. Der Glaube an Jesus Christus darf nichts Diktatorisches an sich haben. Ab dann wäre er zwanghaft und würde nicht froh und frei machen. Fanatismus und Glaube gehören nicht zusammen.
Jesus hat den Knoten für immer durchgeschlagen: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ (Matthäus 5, 44) Doch er hat auch dieses gesagt: „Ihr werdet meine Zeugen sein … bis an das Ende der Erde.“ Und das kann einer tun, wie der Weltmissionar Paulus es sagte: „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt. (Kolosser 3, 6) Es wäre für mich absolut intolerant, dies nicht zu tun. Mir gehört „die Wahrheit des Evangeliums“ nicht privat, allen Kollegen, Freunden und Nachbarn gehört sie doch auch. Es ist das Menschenrecht aller Menschen, das Evangelium von der Liebe Gottes zu erfahren. Doch die Entscheidung kann ihm niemand abnehmen. Ich werde ihn nicht aufdringlich bedrängen. Aber freundlich einladen.
Johannes Hansen 
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