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Viridiana

 

 

Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein. Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.

 

Matthäus 22, 9-10

 

 

Luis Bunel war kein Freund der Kirche. Wer seine oft bitterbösen Filmbilder aber nur als Blasphemie wahrnimmt, hat die moralische und religiöse Leidenschaft des katholischen Regisseurs nicht verstanden. In »Viridiana« beispielsweise scheitert eine Novizin beim Versuch, die Liebe Gottes den Leuten von den Hecken und Zäunen zu geben. Sie scheitert nicht, weil es mit der Liebe Gottes nichts wäre, sondern weil unsere eigene Barmherzigkeit in der Welt ans Böse grenzt.

 

Viridiana macht aus dem Herrenhaus ihres Onkels nach dessen Tod ein Asyl für Arme, Kranke und Obdachlose. Doch das bunte Volk feiert Orgien, als Viridiana für kurze Zeit den Hof verlässt, und bei ihrer Rückkehr versuchen sie, die Wohltäterin zu vergewaltigen. Was Viridiana extrem erlebt, erleben im Ansatz alle Sozialarbeiter und Bewährungshelfer, alle Heimleiter und Street Worker. Wer sich auf die Sozialpathologie dieses Härtegrades einlässt, wird unweigerlich schmutzig. Sollte Jesus das nicht einkalkuliert haben, als er Jünger rief? Wird seine Einladung nur deshalb diskriminiert, weil wir als Menschen scheitern können?

 

 

Michael Graff

 




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