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Und
erlöse uns
von
dem Bösen

 

 

 

Ein Entsetzen geht um. Nicht nur in Österreich und der kleinen Stadt Amstetten. Der 73-Jährige Josef Fritzl hat gestanden, seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem Keller eingesperrt und mit ihr mehrere Kinder gezeugt zu haben. Dazu hier nicht mehr, alle Zeitungen und Sender sind voll von immer neuen Informationen und Irritationen.

 

Wie kann ein Mensch das tun? So fragen die Menschen in ganz Europa. Was ist denn in diesen Mann gefahren? Die Spezialisten der Kriminalpolizei und die Psychologen drehen sich im Kreise. Ich wage eine aus der Bibel stammende Analyse, die tiefer greift als die üblichen Standards.

 

Das Böse ist an den Tag gekommen. Doch was ist das Böse? Es ist die Summe dessen, was sich in einem Menschen als Gottlosigkeit pur manifestieren kann. Es ist wahr, was schon andere gesagt haben: Wer keinen Gott hat, kann tun, was er will. Davor schützen dann auch die Gesetze und die Polizei nicht mehr. „Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“ Jesus im Johannesevangelium Kapitel 3, 19.

 

Bin ich moralistisch, gar fundamentalistisch, wenn ich so hart rede? Erhebe ich mich hier stolz über einen Sünder? Nein, ich bin tief erschrocken über unsere Menschenart. Also auch über mich selbst. Der Mensch ist wirklich des Menschen größter Feind. Da mag das alte Wort „Erbsünde“ helfen. Dieses Wort ist nicht biologisch, sondern geschichtlich gemeint. Die Konzentration einer langen Geschichte von Bosheiten und Gemeinheiten, in die wir hineingeboren wurden, in der wir mitgewirkt haben, und die sich so entsetzlich zeigen kann. Gott sei Dank nicht immer und überall auf so schreckliche Art, doch ich kann mich hier nicht distanzieren. „Des Menschen Herz ist böse von Jugend auf.“ (1. Moses 8, 21) Wir haben solch ein Herz. (Übrigens, der aktuelle SPIEGEL–Titel heißt: „Das Böse nebenan.“ (Frage: Nur nebenan?) Doch was nun?

 

Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker erzählt von einer leidenschaftlichen Diskussion mit Studenten der Protestbewegung der siebziger Jahre in Hamburg. Der bedeutende Philosoph Martin Heidegger saß still dabei. Von Weizsäcker fragte ihn: „Herr Heidegger, was sagen sie zu diesem Gespräch?“ Für die Anwesenden völlig überraschend erklärte er: „Ihr macht alle die Rechnung ohne den Wirt. Nur der Gott kann uns noch retten.“

 

Bei dem Wort „das Böse“ versagt schier unsere Sprache. So hat man im Laufe der Geschichte immer wieder in der Bitte des Vaterunsers an „den Bösen“ und „das Böse“ gedacht. Beides ist sprachlich möglich. Es geht in jedem Fall um alles, was gemein, unrecht, ungerecht, hasserfüllt, mörderisch, lügenhaft, finster und zerstörerisch ist. Das Böse kann tief in unseren Herzen stecken. Es sind die Abgründe in uns, unter uns Menschen und auch durch uns.

 

Die weltgeschichtlichen Abgründe sind namentlich bekannt. Dachau, Auschwitz, Dresden, Hiroshima, Vietnam – die Reihe lässt sich nach hinten und vorne auffüllen. Es waren keine Teufel, es waren Menschen, die es taten. Doch Menschen können wie Teufel werden. Die Beweise liegen vor. Nun auch wieder ganz aktuell.

 

„Und erlöse uns von dem Bösen.“ So beten die Christen im Gottesdienst oder auch am Abend im Nachtgebet, wenn ihnen keine eigenen Worte mehr einfallen. Erlöse uns von dem Bösen, also von unserer Selbstzerstörung. Erlöse uns von dem Bösen, reiß uns raus aus allen bösen Gedanken und Träumen. Erlöse uns von dem Bösen als einer Möglichkeit selbst Böses zu tun. Erlöse uns von dem Bösen, lass uns nicht verloren gehen durch uns selbst. Erlöse uns von dem Bösen, zeige deine Macht an mir, mache mich frei. Mache mich zu einem Menschen des Friedens und der Liebe. Vater im Himmel, führe du deinen Plan zum endgültigen Ziel, dass an deinem großen Tag „alles neu“ wird.

 

Wenn Jesus nicht gekommen wäre, wir wären verlorene Leute. Am Kreuz hat er uns schon vorweg erlöst, das heißt befreit und aus den Abgründen herausgeholt. Als er in die tiefe Not dieser Welt einstieg. Das darf ich gegen meine Angst und Verzagtheit glauben. Du auch - Sie auch.

 

 

 

Johannes Hansen




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