"Vergegenwärtigung"
Pfingsten – Gottes Gegenwart in unserem Leben
Es gibt Begegnungen, die man nie mehr vergisst. Ich stand vor dem Schaufenster einer Buchhandlung in Wuppertal. Im Fenster hing ein kleines Plakat mit dem typischen Bild von Ernesto Cardenal, dem Priester und Dichter aus Nicaragua. Ernesto Cardenal kam nach Wuppertal. Er war mir durch einige seiner Bücher und durch Fotografien schon bekannt, doch eben nur in der Papierform. Ich ging in den Laden und plötzlich standen wir voreinander, Ernesto Cardenal und ich. Ich staunte ihn an, er öffnete seine Augen für mich, ich fragte: „Sind Sie es wirklich?“ Er sagte: "Ich bin Ernesto und wer sind Sie?" Es folgte ein engagiertes Gespräch, das er in fließendem Deutsch führte. Ich kaufte mir eines seiner Bücher, er schrieb mir eine sehr persönliche Widmung hinein.
Was war geschehen? Ich kannte ihn in der "Papierform", sein Bild und Bücher von ihm, doch nicht direkt, nicht face to face. Nun aber sehr persönlich, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Es war so etwas wie eine "Vergegenwärtigung" geschehen. Also eine innere geistige Erfahrung, die mich bis heute begleitet.
Professor Helmuth Thielicke, der brillante Hamburger Theologe und Prediger, überschreibt in seiner Dogmatik das Kapitel Heiliger Geist: "Der heilige Geist als Macht der Vergegenwärtigung." Es wird etwas in die Gegenwart gerückt, was viel mehr ist als die Begegnung mit einem Menschen. Aus der "Papierform" des Glaubens wird durch den heiligen Geist eine Erfahrung der Gegenwart Gottes im Leben eines Menschen. Es kann auch eine Gemeinde sein, die wach wird für den lebendigen Jesus Christus.
Was als dramatisches Ereignis der "Ausgießung des heiligen Geistes" in der Apostelgeschichte Kapitel 2, 1-13 berichtet wird, liegt zwei Jahrtausende zurück. Damals brach Freude aus, als der Geist in die Herzen und Köpfe der Menschen fuhr und sich eine große Begeisterung ausbreitete. Lukas gehen bei seiner Schilderung schier die Pferde durch. Doch was damals geschah, ist nicht „von gestern“. Das historische Ereignis schon, doch die Vergegenwärtigung des Glaubens durch den Geist Gottes oder Jesu Christi läuft weiter durch die 2000 Jahre bis heute zu uns. Sogar in diesen Zeilen von gott.net will der Geist Gottes die Liebe und Gnade Gottes, die Christus auf diese Erde brachte, in uns lebendig machen. Er will Christus vergegenwärtigen. Ich bin so naiv, das zu erwarten.
Es gibt viele Leute, die haben einen „historischen Glauben“ wie Luther diese Art Glaube nannte. Nur ein Erinnerungsglaube, keine Wahrheit, die bei uns in der Mitte des Lebens ankommt. Dieser Glaube ist wie eine Landkarte von Australien, die jemand auf seinem Balkon vor sich ausbreitet und sich nun in der Sonne vorstellt, dass er dorthin reist. Doch der arme Kerl bleibt auf seinem Balkon sitzen.
Wen der Geist Gottes oder Christi Geist (beides lesen wir im Neuen Testament) durch das Evangelium in uns ankommt, bringt er Gottes befreiende Gaben. Er bringt Gewissheit in unser Herz und unseren Verstand. Er macht die Gewissheit der Vergebung in uns fest. Er bläst den Müll aus unserem Denken und Fühlen. Immer wieder neu tut er es. "O heilger Geist, kehr bei uns ein" singt die Gemeinde am Pfingstfest. Der Songpoet Manfred Siebald hat in einem Lied hinzugefügt: "...O heilger Geist, kehr bei uns aus." Gemeint ist der Besen, der den Dreck hinauskehrt. Der heilige Geist macht aus müden Christen lebendige Christen. Keine nervösen und ständig aufgeregten Leute sind gemeint, die sich besser fühlen als andere. Nun dürfen auch kühle Westeuropäer und chronisch angestrengte Pastoren und Mitarbeiter begeistert sein. Auch sehr kluge Menschen dürfen einmal aus der Fassung kommen. Der Glaube der Christen ist doch keine permanente Trauerfeier für den Gekreuzigten. Der Gekreuzigte lebt und ist mit seinem Wort und Geist bei uns präsent. Das ist die Vergegenwärtigung Gottes in unserem Leben. Wer das erfährt kann nicht mehr schweigen, er wird zu einem Zeugen Christi.
"Gott ist verrückt vor Liebe, und daher ist Sein Benehmen nicht vorausschaubar", schreibt Ernesto Cardenal in: „Das Buch von der Liebe.“
Mancher wunderte sich schon, dass er plötzlich von einem Langweiler zu einem erweckten Christen wurde.
Johannes Hansen 
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