Erschütterung tut gut
Viele Gespräche verlaufen freundlich und offen, und es ist ein richtiger Genuss, was dabei herauskommt. Aber es gibt auch Zusammenstöße, wo Meinungen aufeinanderprallen, wo es wehtut, zuzuhören und mitzumachen und wo man selber die Fassung verliert und andere verletzt.
Jeder kennt das und weiß, wie sich ein nettes Gespräch plötzlich zu einem lautstarken Drama entwickeln kann. Wir sind uns sicher einig - es ist immer gut und heilsam, wenn bei Kontroversen eine gewisse Vornehmheit das Miteinander bestimmt.
Aber jetzt habe ich eine Diskussion mitgemacht, die mich völlig durcheinander brachte. Wir wurden leidenschaftlich und persönlich. Da kam heraus, was an aufgestauten Problemen in uns rumort hatte. Das entlud sich lautstark und bissig in einer Konfrontation. Hinterher verabschiedeten wir uns mehr oder weniger versöhnt, und jeder ging nach Hause.
Dann geschah es: Wir riefen uns an. Jeder versuchte den anderen zu erreichen. Viele Gespräche mussten auf sich warten lassen, weil die Leitungen gerade von den anderen, die mitbeteiligt gewesen waren, belegt waren. Das Ende vom Lied war dies: Durch dieses leidenschaftliche Gespräch waren wir alle so erschüttert, dass wir noch einmal fragten, was uns da eigentlich bewegt hatte. In den langen Nachgesprächen kamen wir zu völlig neuen Einsichten, die wir gewiss zu dieser Zeit nicht bekommen hätten, hätten wir uns nicht so heftig gestritten. Man verstehe mich nicht falsch: Es ging nicht um Harmonie nach dem Krach. Sondern um eine Einsicht.
Kann es sein, dass wir Menschen meist nur dann etwas Neues denken können, wenn wir zutiefst erschüttert wurden? Sind womöglich Zusammenbrüche die eigentlichen Voraussetzungen für Aufbrüche? Kann es sein, dass wir erst dann, wenn wir wirklich in einer Sackgasse gelandet sind, die Frage nach dem richtigen Weg stellen können? Müssen wir uns verirren, um nach Wahrheit zu fragen?
Die Fragen stellen, heißt die Antwort ahnen: Nicht jeder, der irgendwo eine Katastrophe erlebt, denkt etwas Neues. Aber wo immer etwas Neues gedacht wurde und wird, gab es vorher eine Katastrophe. Das stimmt für das persönliche Leben und für Kulturen, Völker und Religionen. Man schaue in der Weltgeschichte nach: Große Epochen gingen mit Krach und Kriegen zu Ende und machten neuen Ideen und Wagnissen Platz. So haben die absolutistischen Könige den Gedanken der Demokratie gerade heraufgezwungen. Und die verdammende Enge bestimmter christlicher Konfessionen hat die Weite des Liberalismus hervorgebracht.
Nun stehen wir am Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus. Einer der grandiosesten Versuche, die Welt in eine paradiesische Zukunft zu führen, scheiterte unter dem Aufschrei: »Wir sind das Volk!«
Aber vergessen wir es nicht: Das Scheitern der Ideologien von Marx, Hitler und Mussolini war mehr als das Scheitern dieser Männer und ihrer Revolutionen. Wir sind gescheitert mit dem Versuch, die unendliche Vielfalt des Lebens mit geistigen Visionen und Entwürfen in den Griff zu bekommen. Das Leben ist immer größer, widersprüchlicher und abgründiger, als wir uns das träumen lassen. Und das perfekteste System eines Staatssicherheitsdienstes oder einer kirchlichen Inquisition vermag das Leben und das Denken nicht in den Griff zu bekommen. Wir sind zu klein. Wir wissen zu wenig, ja, wir wissen noch nicht einmal, was wir alles an Nötigem nicht wissen.
Das Ende der Ideologien gibt einer schrecklichen und dennoch tröstlichen Einsicht Raum: Das Leben ist zu groß, zu kompliziert, zu widersprüchlich. Wir meistern es nicht, weder sozialistisch noch kapitalistisch! Weder individuell noch sozial, weder lutherisch noch katholisch, weder pietistisch noch charismatisch. Ich schreibe das ohne Häme, ohne billige Kritik und ohne eine Anklage. Wer bin ich denn, dass ich das dürfte?
Das Leben ist zu groß und zu schön, zu widersprüchlich und zu abgründig, zu unwissend und zu kurz, als dass wir es meistern könnten. Nicht wir machen das Leben, sondern das Leben macht uns. Und die Kräfte, die uns hervorgebracht haben; voran die Lebenskraft der Liebe und des Hungers, der Macht und des Gestaltenwollens, der Sehnsucht nach Erkenntnis und des Zerstörungstriebes;, bekommen wir weder bei uns selber noch bei den anderen sechs Milliarden Menschen in den Griff. Und doch müssen wir uns darum mühen und uns mit allen Gaben, die wir haben, einsetzen, um das Leben in dieser Welt halbwegs lebensmöglich zu machen. Balkan, Afghanistan und Irak haben erneut gezeigt, wie stark diese Kräfte wirklich sind! Und diese Kräfte stecken auch in uns. Machen wir uns nichts vor!
Zum Ende des letzten Jahrtausends sind auch die Religionen in Aufruhr geraten. Die Beschaulichkeit, so es sie je gegeben hat, ist dahin. Die Kirchen stehen in Europa vor den gleichen Fragen, vor denen das Judentum, der Islam und die asiatischen Religionen stehen: Wie kann lebendige Religion gelebt werden, wenn mehr und mehr die Gesetze des Marktes zum universalen Thema werden? Wie können die verfassten Kirchen überleben, wenn die Menschen zwar nach Gott fragen, aber dies nicht mehr in den Kirchen tun wollen? Haben wir womöglich im kirchlichen Christentum etwas, was den Menschen nicht ein, sondern auslädt?
Sind die Millionen, die in unserem Volk die Kirche verlassen haben, womöglich weggegangen, weil diese Weise europäischen Christentums etwas Unreligiös‑Unchristliches an sich hat?
Ich weiß das nicht, aber ich bin zutiefst erschüttert, wer zur Zeit alles aus der Kirche weggeht. Was ist passiert?
Diese Menschen haben auf jeden Fall nicht ihre Sehnsucht nach Heilsein und Geborgenheit verloren. Sie suchen nur woanders, nicht in der Kirche. Viele suchen wirklich.
Denn wenn Menschen sich vieles leisten können und das Leben kulturgeschichtlich leichter wird, steigt die Sehnsucht nach Lebenserfüllung: Je mehr der Mensch bekommt, um so leerer wird es in seinem Leben. Hier sehen etliche einen Zusammenhang zu den vielen Drogentoten. Der Mensch müsse, ob er wolle oder nicht, zur letzten Steigerung des Erlebens greifen. Für viele sei das die Droge.
Strebt der Mensch nach Befriedigung seiner Triebe und Wünsche - und wer wollte uns das verargen? ‑, um darin zu erfahren, dass der Hunger nach Leben größer und immer verzweifelter wird? Wenn das stimmen sollte, wonach um alles in der Welt hungert denn der Mensch eigentlich?
Am Ende unseres Jahrtausends stellen wir erschüttert fest: Wir schaffen das Leben der Welt so nicht. Und die innere Zwanghaftigkeit, mit der wir gut meinend Europa einen wollen, wird bitter scheitern: Das Leben ist zu widersprüchlich, zu kompliziert, zu groß und zu schön. Das geht so nicht. »Mit unserer Macht ist nichts getan!« (Martin Luther)
Ich habe Freude am Leben. Das Leben ist schön und weit. Es begeistert mich. Ich bin hingerissen, wenn ich einen Sonnenaufgang sehe. Und ich kann stundenlang in die unendliche Weite der Sterne sehen. Ich bin kein Pessimist. Aber das Leben durchschaue und meistere ich nicht.
Das beginnen wir langsam, aber sicher auch als Volk zu sehen, als Kultur, als Menschheit, als Kirche. Es tauchen neue Gedanken auf, vorsichtig, behutsamer als im letzten Jahrhundert, leiser als zur Zeit der Revolutionen. Die großen Gedanken kommen kleiner, und die Wegweiser in die Zukunft sehen bescheidener aus als die, die am Anfang des letzten Jahrhunderts in die Geschichte eingerammt wurden.
So schrecklich die Erschütterungen der letzten sechzig Jahre waren - ich kann glauben, dass aus dem allem etwas Neues wird. Das wird morgen auch wieder überholt werden, aber dennoch müssen wir die Gedanken kommen lassen und uns mühen, Antworten für die nahe Zukunft zu finden.
Ob uns das gelingt? Welche Gedanken werden hilfreich sein? In den folgenden Kapiteln möchte ich versuchen, einige Hinweise zu geben.
Klaus Vollmer

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