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Unheilbar religiös

 

Viele Menschen meiden jeden kirchlichen Kontakt, aber sobald die Fragen nach Gott und Ewigkeit auf den Tisch kommen, sprechen sie sofort mit. Die religiöse Frage ist nicht out, aber die Menschen mögen es nicht mehr, dass sie von einer Seite her belehrt werden darüber, was Religion und was Wahrheit ist. Sie möchten mitsprechen, mitfragen, möchten gehört und ernst genommen werden.

Der Mensch unserer Zeit ist durchaus bereit, nach Gott zu fragen und über Hintergründigkeiten nachzudenken. Das hat einen tiefen Grund, der im Menschen selber liegt.

Wann immer der Mensch an seine Grenzen stößt, ist er auch bereit, darüber hinaus zu denken. Genau da beginnen die »religiösen« Fragen. Es ist, als ob der Mensch gar keine andere Wahl habe: Wir können beim Tod nicht sagen: »Das war's dann!« sondern die Frage bricht auf: »Und was kommt jetzt?« Damit fragen wir nach Gott oder Ewigkeit, oder wie immer wir das nennen wollen.

Was kommt nach dem Tod, nach meinem Tod? Ich habe erlebt, dass Menschen geradezu zielstrebig auf diese Frage zugegangen sind und sagten: »Für mich gibt es kein Leben nach dem Tod, aber mich würde sehr interessieren, was Sie als Christ dazu denken!«

Es gibt noch einen anderen Punkt, bei dem sehr schnell ein Gespräch über Religion entsteht: Immer dann, wenn es um Fehler und um Schuld geht. Als Christ habe ich natürlich einen bestimmten Standort. Der heißt Jesus Christus. Und von ihm her habe ich einen bestimmten Blick für die Schuld und Widersprüchlichkeit des Menschen. Aber ich weiß von der Vergebung für jede Schuld in jedem Augenblick. In solchen Gesprächen wird plötzlich deutlich, wie vollkommen anders der christliche Standort gegenüber anderen Möglichkeiten ist. In diesen Gesprächen spielt Religion eine enorme Rolle, und ich bin immer wieder überrascht, wie schnell andere Menschen zuhören und mitreden.

Der dritte Punkt, der sofort in den religiösen Bereich führt, sind die »parapsychologischen Phänomene«. Hier hat unter anderem New Age eine völlig neue Gesprächsebene eröffnet, weil dort systematisch zusammengetragen und beobachtet wird, wie geistige Kraftfelder Menschen und Natur miteinander verbinden können. Was wir früher »Hellsehen« nannten und schnell abtaten, das wird heute erklärt und als real angenommen, weil »das ganze Leben miteinander energetisch vernetzt ist, so dass sich unendlich viele Informationen solchen Leuten mitteilen, die sich bewusst darauf einstellen«. Wenn wir auf Tagungen unter Studenten oder jungen Erwachsenen aller Berufe diese Themen anschneiden, sind fast alle sofort bereit, ernsthaft Dinge zu diskutieren und zu verhandeln, die durchweg mit Spekulation und Ahnung zu tun haben. Ein Psychologe sagte mir: »Diese Zeit dampft geradezu vor Religion!«

Was wird hier deutlich? Soweit ich das verstehe, doch dieses: Der Mensch unserer Zeit ist so ungeborgen und in einer solch erschütternden Sinnkrise, dass er sich den seltsamsten Hintergründigkeiten öffnet. Und es ist nicht recht, über dieses Sehnen und Fragen hochmütig herzufallen. Wir werden verstehen lernen, wie es dazu kam und warum die christlich verfassten Kirchen mit ihrer Dogmatik und ihren ordentlichen Gottesdiensten und Dienstangeboten an Millionen von Menschen nicht mehr herankommen.

Industrie und Wirtschaft können bestimmte Leistungen erbringen. Aber die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Geborgenheit und Liebe, nach Verstehen und Hoffnung, nach Reifung und Sterben werden so nicht beantwortet. Diese Grundfragen des Menschen müssen »hintergründig«, sprich religiös, beantwortet werden. Und wenn in vielen Gemeinden darauf wenig oder nur schlecht eingegangen wird, dann gehen die Menschen weg und suchen ihre Antworten da, wo sie sie finden. Und wenn diese Antworten noch so seltsam sind.

Der Mensch sehnt sich nach Mächten und Kräften, nach Antworten und Weisungen, die eben nicht aus dem Rationalen zu liefern sind. Der Mensch ist religiös, er kann seinem Wesen nach darauf nicht verzichten. Die Unruhe ist groß. Und die neuen Ungewissheiten im Osten und Westen werden diese Unruhe steigern. Wer wird die Kraft und die Liebe haben, um hier zu antworten?

Ich glaube, dass die Menschen zutiefst nach dem Geheimnis Jesu schreien, auch wenn sie das (noch) nicht wissen. Der große Kirchenvater Augustin hat einzigartig formuliert: »Meine Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in Gott.«

Aber wer ist dieser Gott, der diese Ruhe gibt? Die Antwort darauf wird zum Beginn des neuen Jahrtausends die Menschen tiefer bewegen, als wir vielleicht jetzt ahnen.

Wer hat diese Antwort? Denken wir sie uns aus, oder wird sie uns gegeben? Machen die Kirchen oder die religiösen Bewegungen diese Antwort, oder gibt sie Gott selber? Oder hat Er sie schon gegeben?

Darum geht es in den kommenden Kapiteln. Carpe diem: Nutze den Tag.

 

Klaus Vollmer

 

 




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