Ich glaube, also bin ich geliebt
Liebe ist ein wunderschönes Wort. Schon das Wort klingt hell und macht froh. Aber wie schön ist es, wenn einer dem anderen sagen kann: »Ich habe dich lieb. Ich halte zu dir. Ich bin für dich!« Wo ein Mensch dies ehrlich meint, da kann er einen anderen Menschen sehr froh und mutig machen. Ich kenne Leute mit Minderwertigkeitskomplexen. Als jemand zu ihnen sagte: »Du bist für mich liebenswert!«, da verschwanden die Komplexe, und ein neues Leuchten begann in ihrem Leben.
Die Begegnung mit dem Evangelium von Jesus Christus ist die Begegnung mit einer großen und ewigen Liebe. So und nicht anders muss das gesagt werden. Am Anfang steht nicht die Drohung, auch keine Warnung vor der Hölle. Das ist nicht wahr! Am Anfang des christlichen Lebens steht Jesus selbst. Und er sagt ja zu uns Menschen. Darum ist er gekommen, um dies der ganzen Welt für alle Zeit als eine ewige Wahrheit zu offenbaren: In mir ist Ja und kein Nein!
In einem der Briefe, die Paulus der Gemeinde zu Korinth schreibt, heißt es: »Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm« (2. Korinther 1,19). Wir könnten die ganze Bibel durchgehen ‑ immer und immer wieder sagt der ewige Gott dieses Ja zu seinem Volk und zu jedem Menschen.
In diesem Ja verbirgt sich nicht irgendeine Nettigkeit oder eine freundschaftliche Sympathie. Dieses Ja Gottes ist das Ja gegen jede Sünde, jeden Tod, jede dunkle Macht. Es ist das Ja, das alles gottlose und menschenfeindliche Nein überwindet. Es ist ein göttliches, kämpferisches Ja. Es ist nicht nur ein Wort, dieses Ja zum Menschen und zum Leben; es ist Gott selbst. Er selber ist das Ja und offenbart dieses Ja in seinem Sohn Jesus Christus. Wenn es Augenblicke geben sollte, wo wir leiden müssen und wo wir meinen, dass sich alles gegen uns gewandt hat, dann erleben wir zwar menschlich in großer Traurigkeit ein Nein. Aber zutiefst verbirgt sich auch im Nein Gottes Ja.
In diesem Ja sucht Gott den Menschen. In diesem Ja lässt er uns nicht los. Er findet tausend Wege, um zu uns zu kommen. Es gibt bei Gott kein Nein. Und wenn es das Nein doch geben sollte, dann glaube ich es ihm nicht! Er müsste sein Nein in ein Ja verwandeln, weil ich ihm das Ja und nicht das Nein zumute. Am Kreuz von Golgatha hat Gott ein für allemal gesagt und vor der ganzen Welt gezeigt: Ich bin für euch. Auf diesen Sohn spreche ich Gott an: »Du hast in Jesus ein ewiges Ja gesagt. Das glaube ich dir. Ich glaube es gegen jedes Nein, das sich mir in den Weg stellt, das in meinem Herzen aufbricht und mitten in der Geschichte mein Leben schwer und leidvoll machen könnte. Ja, Herr, es kann und wird sein, dass sich tausend >Neins< erheben, aber dann will ich tausendundeinmal glauben, dass du das Ja bist.« Und sollte Gott ‑ ich spreche sehr menschlich und darum sehr dumm ‑ gegen mich etwas haben und dazu neigen, zu mir oder zu anderen Menschen Nein zu sagen, dann würde ich ihm das einfach nicht glauben. Ich würde ihm im Gebet sagen: »Ich glaube dir kein Nein, ich glaube dir das Ja!« Gott müsste ‑ ich schreibe sehr gewagt, aber der Glaubende wagt genau dies ‑ dann gegen sein eigenes Nein angehen. Er müsste das Nein umdrehen, müsste dann sein ewiges Ja sagen und heilend an mir handeln!
Im Neuen Testament (Matthäus 15,21-28) wird einmal eine wunderbare Geschichte erzählt: Jesus geht mit seinen Jüngern durchs Land. Es ist heidnisches Gebiet, also außerhalb der damaligen jüdischen Grenzen. Und während sie dahinziehen und über allerlei großartige Dinge reden, taucht plötzlich eine Frau auf. Sie ist eine Ausländerin, von Gott und Heil hat sie keine Ahnung.
Dazu muss man wissen: Als Frau ist sie überhaupt nicht vorgesehen, sich einem Rabbi so ohne weiteres zu nähern. Aber sie kommt und fängt an zu schreien: »Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.« So geht das eine ganze Weile.
Jesus antwortet ihr nicht. Die Jünger drehen langsam durch und sagen zu Jesus: »Nun schick doch diese Frau weg. Ist ja furchtbar, diese Schreierei!« Und Jesus?
Unfassbar: Er sagt, dass er zu den Verlorenen des Volkes Israel geschickt sei, nur zu ihnen. Mit Ausländern habe er nichts zu schaffen.
Aber sie lässt sich nicht abwimmeln. Kommt, drängt sich nach vorn, wirft sich vor ihm auf den Boden und bettelt: »Hilf mir!« jetzt sind nicht die Juden dran, jetzt geht es nicht um das Volk Gottes, jetzt geht es um mich!
Daraufhin sagt Jesus: »Es ist nicht gut, dass man den Kindern ihr Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde!« Eine unglaubliche Szene: Jesus weist auf Israel, und alle anderen gehen leer aus. Wirklich unglaublich. Er antwortet dieser Frau: »Nein!« Basta.
Aber nun passiert's: Die Frau hört das und sagt: »Ja, ich weiß, ich weiß. Aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.«
Ich sehe die Jünger und Jesus sprachlos: Da wagt es eine Frau, dem Sohn Gottes das Nein im Munde zu verdrehen, und macht daraus ein Ja! Sie lässt sich nicht abwimmeln, sie geht nicht verschreckt oder beleidigt nach Hause. Sie sieht Jesus und glaubt es ganz fest: Hier ist kein Nein, auch wenn es so aussieht. Hier ist keiner gegen mich, es scheint nur so. Ich glaube diesem Jesus das Nein nicht. Ich glaube ihm das Ja. Und sie legt es ihm gewissermaßen in den Mund!
Und ich sehe meinen Herrn, wie er da steht, wie er sich wundert und sich unendlich freut: Hier hat ein Mensch etwas gewagt, worauf er wartet. Hier glaubt ein Mensch sein Ja, selbst dann, wenn er nein sagt. Und Jesus sagt: »Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!« Und dann heißt es nur noch knapp: »Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.«
Wenn für mich die Stunde des Todes kommt und ich von tausend Fragen Gottes nicht eine einzige zu meinen Gunsten beantworten könnte, dann will ich dem heiligen, ewigen Gott sagen: »Und wenn alles in meinem Leben dumm und krank und sündig war - dein Sohn hat für mich sein Leben gelassen, er ist für mich, darauf baue ich. jedes Gericht, das über mich verhängt würde, das lege ich auf ihn!« Der ewige, heilige Gott wird mich freisprechen und zu seinem liebsten Kind machen. Das glaube ich. Dieser Liebe glaube ich. Damit lasse ich mich ein für Zeit und Ewigkeit.
Die Folgen sind enorm. Wer glaubt, gründet sein Leben eben nicht mehr auf Gedanken oder auf ein anständiges Leben. Er redet nicht von seiner Karriere, als wenn das alles wäre. Wer glaubt, der begreift sich nicht mehr von Menschen her oder von der Geschichte. Er beruft sich auf diese Liebe Jesu. Er rechnet nicht mehr, was er selber ist und was nicht, sondern er rechnet damit, dass dieses Ja Gottes zu jeder Stunde und in jeder Lage trägt.
Dieses Ja setzt sich im Leben eines Glaubenden durch: Weil er selber bejaht ist, wird er erleben, wie er sich und andere bejahen kann, trotz unserer Grenzen, trotz unserer Fehler.
Das Nein ist immer relativ, aber das Ja ist absolut. Fehler und Schulden können vergeben werden, aber Gottes Liebe kann nicht aufgehoben werden, sie bleibt. So beginnt sich etwas Einzigartiges im Leben eines Christen auszuwirken: Er wird und wirkt bejahend. Er bekommt ein Gespür dafür, dass sich das Ja zum Menschen lohnt und dass sich ein Nein nicht lohnt. Wenn wir einen Menschen bejahen, wird sich der Mensch entfalten. Die Verneinung entfaltet keinen Menschen. Dieses Ja, das der Christ seinem Herrn glaubt und von ihm empfängt, bekommt Macht. Der Glaubende wird im Laufe der Jahre immer bewusster Menschen gerade dann bejahen, wenn sie selber im Nein stecken. Dieses Ja Jesu ist wie ein Licht, das der Christ mit sich herumträgt: Weil er selber hell gemacht ist, darum wird er es überall hell machen.
Ein bewegendes Beispiel dafür, wie das aussehen kann, war für mich das Erlebnis in einem Jugendlager, wo ein Mitarbeiter wiederholt Geld gestohlen hatte.
Der leitende Pastor ließ alle anderen Mitarbeiter kommen und erzählte ihnen, wer das Geld genommen hatte. Dabei bat er um strengste Verschwiegenheit.
Schließlich meinte er: »So, jetzt hole ich den Jungen.« Ich nenne ihn hier einmal Joachim. »Ich hole Joachim, und dann wollen wir einmal verfahren, wie man jetzt verfahren muss.«
Da dachten wir: »Na, jetzt geht's rund.«
Der Junge kommt herein, und der Pastor stellt ihm folgende Frage: »Joachim, wir haben dich ertappt. Du hast das Geld gestohlen. Ist das wahr?«
Joachim nickt: Ja, das ist wahr.«
Darauf der Pastor: »Ich frage dich jetzt, Joachim, vor deinem Herrn und Heiland: Tut dir das leid?«
»Ja.«
»Bist du bereit, das abzugeben ans Kreuz?«
»Ja.«
»Dann knie nieder.«
Alle Mitarbeiter müssen ihm die Hände auflegen, und der alte Pastor sagt: Am Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes: Du bist frei.«
Dann umarmen wir uns alle. Der Pastor steht mit der Kasse da und fragt: »Wem geben wir ab heute die Kasse?« Er geht auf Joachim zu: »Die kriegst du jetzt.«
Da fand keine Abrechnung statt, sondern dem jungen Mann wurde die Vergebung zugesprochen. Und als Zeichen für Gottes Ja zu ihm ‑ und für das Ja der anderen Mitarbeiter ‑ bekam er die Kasse anvertraut. Das werde ich nie vergessen.
Der Glaubende lebt aus einer Liebe, die er selber nicht gemacht und gedacht hat. Sie ist größer als er selbst und alles, was er jemals über Liebe gedacht und erlebt hat. Wenn diese Liebe die Mitte eines Menschenlebens wird, dann blüht der Mensch auf, und diese Liebe, dieses Ja setzt sich mehr und mehr durch. Trotz aller bleibenden Fehlerhaftigkeit, trotz allen Widerspruchs, der in uns ist: Die Liebe Jesu, das ist Jesus selber, und »er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende« (Matthäus 28,20). Alles kommt und geht, aber er, seine Liebe, sein ewiges Ja, bleibt, bis wir in der Ewigkeit sind.
Der Glaubende erkennt etwas Unglaubliches: Der tiefste Sinn des Lebens, der Weltgeschichte und des unvorstellbaren Dramas Kosmos ist die Liebe, ist Jesus selbst. Nun sieht man nicht nur sich selber anders, nicht nur die Menschen, die Völker ‑ man sieht auch die Sterne und die Galaxien anders: Sie kommen aus der Liebe Gottes und streben zur Liebe Gottes. Alles ist begründet in der Liebe, alles wird erhalten in der Liebe, und alles vollendet sich am Ende aller Tage in der Liebe, wo er abwischen wird alle Tränen von unseren Augen (Offenbarung 21,4). Und in der Ewigkeit wird die Liebe kein Ende haben.
Ach bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart; ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward; ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken!« (Gerhard Tersteegen)
Dies ist die alles umfassende Wahrheit des Glaubenden: Ich glaube, also bin ich geliebt von einer einzigartigen Liebe. Wenn anders denkende Menschen zu mir kommen, wenn ich auf andere Religionen stoße, dann will ich mich mit ihnen nicht streiten. Dann will ich auch nicht triumphieren und recht behalten. Sondern ich will ihnen sagen, was das Herzstück des christlichen Glaubens ist: Dieses Ja Gottes in Jesus Christus, diese Liebe, die durch Tod und Hölle gegangen ist und ewig lebt. Das glaube ich, also bin ich ein Geliebter. Was immer ich über meinen Beruf und meine soziale Stellung, über Vermögen und Hobby, über Schwächen und Grenzen sagen müsste, über allem und in allem stimmt immer dieser Hauptsatz: Ich bin ein von Gott geliebter Mensch.
Größeres und Schöneres, Mut machenderes und Hinreißenderes gibt es für mich nicht. Der Christ ist nicht, was er denkt und tut, sondern was Gott an ihm getan hat und jeden Tag tut. Der Christ ist geliebt. Das ist seine Würde, sein Reichtum und sein Grund, in dieser Welt mitzureden und mitzumischen.
Das nächste Kennzeichen des christlichen Lebens ist: Ich glaube, also bin ich gewiss. Darüber reden wir im nächsten Kapitel.
Klaus Vollmer

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