Ich glaube, als bin ich gewiss
Wir reden ja immer dann von »gewissen« Einsichten, wenn die Logik und die Naturgesetze im Spiel sind. Wer weiß, kann gewiss sein. Wer nichts Genaues weiß, ist sich seiner Sache auch nicht gewiss.
Wenn etwas nicht gewiss ist, dann ist man unsicher und gelähmt. Wenn ich in eine Stadt komme und frage zum Beispiel nach der Lorenzstraße, und der Gefragte antwortet: »Ja, ich weiß auch nicht so genau. Vielleicht fahren Sie mal hier rechts, oder? Oder vielleicht doch besser mehr geradeaus? Ach, nein, am besten, Sie fahren links und dann, ja, ich weiß auch nicht...« Dann drehe ich die Scheibe wieder hoch und haue ab. Soviel Ungewissheit macht mich nicht gerade fröhlich. Wie schön ist es dagegen, wenn jemand sagen kann: »Also, zur Lorenzstraße geht es hier runter, zweite Ampel rechts in die Marktstraße und dann die nächste Ampel links, da kommen Sie in die Lorenzstraße!« Das ist wohltuend.
So geht es uns überall: Wer etwas gewiss weiß, der ist wohltuend, und wer nichts Genaues weiß, der muss ja kein schlechter Mensch sein, aber er verschone mich mit seinen Hinweisen.
Wir brauchen für unser Leben zuverlässige Gewissheiten. Das gilt im Handwerk, das stimmt für das Finanzwesen, und in der Küche kocht man auch nicht irgendwie, sondern weiß, wann ein Schnitzel schmeckt und wann nicht. Es bleibt dabei: Je gewisser, desto besser. Und wenn jemand oder eine Wissenschaft etwas nicht genau sagen kann, dann ist es keine Schande, einzugestehen: »Das weiß ich nicht genau«, oder: »Das können wir zur Zeit nicht genau wissen.« Damit kann man leben. Man muss es nur deutlich sagen. Wer heute die Forschung in der Astronomie und Astrophysik verfolgt, stellt fest: Es tun sich immer mehr Rätsel im Weltall auf. Wir wissen immer weniger, je mehr wir wissen. Dasselbe gilt in der Mikrophysik. Wer nur ein bisschen von den Arbeiten des Hamburger Beschleunigerringes Hera gehört hat, der weiß, mit wie viel Mühe und Intelligenz versucht wird, den kleinsten Teilchen der Materie auf die Spur zu kommen, und wie oft der Satz kommt: »Wir wissen das alles noch nicht genau!« Dabei ist es gerade das neu gewonnene Wissen, das deutlich macht, wie wenig wir wissen. Dennoch muss gewusst werden wollen.
Wie ist das nun mit dem Glauben an Jesus Christus? Wie ist das überhaupt mit den Religionen dieser Welt? Verbreiten sie Gewissheiten oder Ungewissheiten? Daran hängt eine Menge: Denn wenn wir unser Leben lang mit Exaktheiten und mit Wissen gefüttert werden, dann muss es erlaubt sein, zu fragen: Woher nimmt das Christentum seine Gewissheit? Oder ist das alles nur Gefühl und Einbildung?
Ich begegne immer wieder Aussagen wie diesen: »Die Wissenschaft verschafft Klarheit und gibt Gewissheit ‑ der Glaube schafft Nebel. Religion ist etwas für Dumme, und an Gott glaubt nur, wer selber nicht denken kann.« Oder: »Wir halten uns an Fakten und an sichtbare und messbare Dinge, alles andere ist uns letztlich egal. Religiös empfindsame Seelen brauchen so etwas wie Religion. Aber der Denker und der Tatmensch brauchen handfeste und gewisse Dinge!«
Wenn man sieht, was in der Weltgeschichte alles an Religion angeboten wird, kann man schon ins Grübeln kommen, was man davon halten soll. Die Angebote von anspruchsvoller Hochreligion bis zu frömmelndem Gesülze machen unsere Zeitgenossen nicht gewisser in punkto Glaubensfragen. Sie geben ihnen eher die Gewissheit, sich um überhaupt nichts mehr zu kümmern, was mit Religion zu tun hat. Obwohl die Lebensfragen ja bleiben! Und deshalb müssen wir fragen, was denn nun am Glauben gewiss ist und gewiss macht.
Das Wort »Glauben« wird bei uns fast immer im Gegensatz zum Denken und Wissen gesehen. Wir sagen: Wenn ich etwas weiß, dann habe ich die Dinge erfasst und begriffen, ich bin gewiss. Wenn ich etwas glaube, dann habe ich die Dinge eben nicht klar erfasst, sondern ich nehme an, dass dies so oder auch ganz anders sein kann. Wenn wir Nebel und Unklarheit mit Glauben gleichsetzen, muss sich niemand wundern, wenn alles, was mit Gott zu tun hat, in den Bereich der Unklarheit verlegt wird. Wer also glaubt, wird in das Schubfach Unklarheit abgeschoben. So kommt es, dass man den Atomphysiker ernst nimmt und ihm zuhört, den Pastor aber erst gar nicht reden lässt, denn der »glaubt ja nur«.
Richtig ist, dass der Wissenschaftler und der Ingenieur, der das Gedachte in die sichtbare Praxis umsetzt, von erkannten Gesetzen ausgehen und gewiss herausbekommen, was klappt und was nicht klappt. Der Denker und der Praktiker sind im Denken und Tun selber Subjekt, das heißt, sie haben das, was sie denken und tun, im Griff und können denken, sehen und ausprobieren, was geht und was nicht geht. Von diesem Verständnis her lebt die gesamte Industrielle Revolution. Wir können jetzt auch in Anlehnung an unser Thema sagen: Die Neuzeit sagt: Ich denke und tue das und das und bekomme heraus, was möglich ist und was nicht.
Im Glauben geht es um eine ganz andere Weltbegegnung: Der Glaubende hat die Sache nicht »im Griff«, sondern er lässt sich mit einer Sache ein, und die bekommt ihn in den Griff.
Der Glaube tut also genau das Umgekehrte wie der Wissenschaftler: Er steht nicht über einer Sache und verfügt nicht über sie, sondern er hebt die Distanz auf und wagt sich an eine Sache oder an eine Person heran. Dann muss er abwarten, was nun mit ihm geschieht.
Ein Beispiel: Wenn jemand Kopfschmerzen hat, geht er zum Arzt. Der verschreibt ihm bestimmte Medikamente. Nehmen wir also an, der Patient nimmt die Tablette XT. Er weiß nicht, was er jetzt einnimmt. Er glaubt dem Arzt, dann schluckt er die XT-Tablette und setzt sich den Wirkungen aus. Genau diesen Vorgang nennt die Bibel »glauben«.
Wer sich mit etwas oder jemandem existentiell einlässt, dem widerfährt, womit er sich eingelassen hat. Ist die Tablette XT wirklich eine Hilfe, erfährt der Patient diese Hilfe nur, wenn er sie einnimmt. Würde der Patient sagen: »Ich weiß es nicht, ich traue der ganzen Medizin nicht!«, dann setzte er sich diesem Risiko nicht aus und würde auch die Wirkungen nicht erfahren.
Wer von Deutschland nach Südafrika fliegen wollte, müsste sich einem Flugzeug anvertrauen. Er könnte am Abend in Frankfurt einsteigen und wäre am anderen Morgen in Johannesburg. Wenn aber jemand sagt: »Ich fliege nicht, ich habe Angst, und wer weiß, ob das Flugzeug überhaupt dort ankommt«, der bleibt eben, wo er ist. Er wird niemals erfahren, was es heißt, zu fliegen.
Ähnlich ist es mit einer Freundschaft oder Ehe: Wenn sich jemand einem anderen Menschen nicht anvertraut, wenn er sich aus Vorsicht, Angst oder Misstrauen nicht mit ihm einlässt, glaubt er diesem Menschen nicht. Er geht kein Risiko ein, aber er wird weder sich selber noch den anderen in einer engen Gemeinschaft erfahren. Die Größe und Schönheit einer Gemeinschaft erfährt ein Mensch eben nur dann, wenn er sich auf den anderen einlässt, wenn er sich ihm anvertraut, ihm glaubt. Wer nicht vertraut, wird sich weder des anderen noch sich selber gewiss. Er wird nicht erfahren, was diese Gemeinschaft ihm und dem anderen bringt. Bei der Gewissheit geht es also nicht um »gewisse Gedanken«, sondern um eine Lebenserfahrung, die mir nur widerfährt, wenn ich mich mit Menschen oder mit Dingen einlasse.
Wenn eine Sache allerdings schief geht, das Flugzeug abstürzt, eine Freundschaft oder Ehe scheitert, dann heißt es: »Ach, hätte ich das doch nie gemacht!« Aber hier liegt das Problem des Vertrauens: Bestimmte Dinge und Menschen kann ich nur erfahren und sie in ihrer Schönheit und Größe erleben, wenn ich mich dem aussetze und mein Leben daran wage. Wage ich, glaube ich also, dann erfahre ich die Wirkungen in aller Schönheit und allem Reichtum. Wage ich nicht, glaube ich also nicht, erfahre ich auch nichts von den Wirkungen und Schönheiten der Dinge oder der Person oder einer Gemeinschaft.
Wenn wir also vom Glauben reden, meinen wir nicht irgendwelche Gedanken, die man sich über Gott oder Menschen macht und die man dann eben »glaubt«. Im Glauben sprechen wir von dem Wagnis, das ein Mensch eingeht, um etwas zu erfahren und zu empfangen, was ohne Glauben und Hingabe nicht erfahren und empfangen werden kann. Im Glauben bleibt der Mensch nicht Subjekt; er hebt die Distanz zu etwas oder jemandem auf und wird eins mit ihm. So teilt sich der Glaubende mit, und die Sache oder die Person teilt sich dem Glaubenden mit. Der Glaubende erlebt den Austausch und in dem Austausch die Verwandlung. Er wird sich gewiss.
Wer Angst hat und nichts riskiert, wer sich weder an Dinge noch an Personen, an Gemeinschaften oder an Aufgaben herantraut, bleibt bei sich. Er wird ganz bestimmt gute Gründe haben, warum er dies nicht gewagt und jenen Menschen nicht zum Freund gemacht hat. Er wird erklären, warum er die Liebe zu diesem oder jenem Menschen nicht für nützlich hielt. Aber was immer er sagen wird: Er bleibt bei sich selber. Er hat sich nicht getraut. Er hat nicht geglaubt. Und er wird niemals erfahren, was er verpasst hat. Er hat auf seine Angst und auf seine Ausreden mehr gehört als auf den Anruf des Lebens. Er ist sich dieser Lebensmöglichkeit nicht gewiss geworden!
Ich kann tausendmal eine Sache durchdenken, ich kann ungezählte Male fragen, ob dieser Mensch eine Liebe und Freundschaft wert ist oder nicht. Und es ist gut und unbedingt wichtig, dass ich gründlich frage. Aber irgendwann muss ich das Nachdenken und die Fragerei beenden und etwas wagen: Entweder ich glaube, oder ich glaube nicht! Ich lasse mich entweder auf eine Sache oder eine Person ein oder ich gehe und verzichte darauf.
Damit ist klar, wo der tiefere Unterschied liegt zwischen Denken und Wissen einerseits und Glauben und Wagnis andererseits: Auf der ersten Seite bleiben wir die Herren und Subjekte. Wir denken über etwas und jemanden nach und bestimmen, wie die Dinge, die Menschen und Gemeinschaften zu sehen sind. Wir geben das Urteil und sagen, was das ist und was nicht. So geschieht Denken und Wissen. Dort gibt es jene Gewissheiten, die das Denken und Wissen gibt: Man wird sich geistig abstrakt gewiss. Und das hat sein Recht und seinen Platz in Wissenschaften und an vielen anderen Stellen. Obwohl auch in diesen Bereichen der Wissende irgendwann etwas wagen muss.
Andererseits ist der Glaube das Ende der Distanz und der distanzierten Herrschaft über Dinge und Menschen. Der Glaubende wagt sich an etwas oder jemanden heran. Damit verliert er die Berechenbarkeit. Er gibt sich auf und lässt sich ein. Nun muss er erleben, was ihm und dem anderen widerfährt. Erst in diesem Wagnis erfährt der Mensch auf das gewisseste, was ihm da begegnet ist, welche Wirkung wer und was auf ihn hat, und welche Wirkung er auf die Sache oder auf einen anderen gehabt hat. »Wer nicht wagt, der nichts gewinnt« ‑ der aber dann auch nichts verliert.
Wenn wir vom Glauben an Gott und an Jesus Christus reden, dann sprechen wir davon, dass ein Mensch sich mit diesem Herrn einlässt. Dann erfährt er, was dieser Herr ihm bringt und was nicht. Der Preis der Christusgewissheit ist der Glaube. Wer das nicht wagt, der soll so ehrlich sein und sagen: »Ich habe es nicht gewagt. Ich habe mich nicht mit diesem Geheimnis eingelassen. Darum bin ich mir seiner nicht gewiss geworden.«
Das ist ehrlich und aufrichtig. Aber er soll nicht der Kirche im allgemeinen oder den Pastoren im besonderen die Schuld geben, warum er kein Christ werden möchte. Das wäre unredlich.
Es gibt allerdings auch Menschen, die halten frommes Tun bereits für Glauben. Richtig ist: Wer an Christus glaubt, der wird auch etwas Neues tun (siehe die folgenden Kapitel), aber das Tun selber ist kein Glauben. Tun kann ich aufgrund von Einsicht in Notwendigkeiten. Aber im Tun werde ich mir der Gegenwart Jesu nicht gewiss, sondern im Vertrauen auf ihn werde ich mir gewiss. Im Tun kann ich immer die Frage stellen: Habe ich denn genug getan? Aber im Glauben und Vertrauen bleibt der Satz: Nun bin ich bei Jesus und glaube, dass er für mich ist. Der Glaube beruft sich auf die Liebe und Gegenwart Jesu und ist sich ihrer gewiss.
Dieses Urereignis des Vertrauens hat Paulus zum Thema seines größten Briefes gemacht, den er der Christenheit und der ganzen Welt geschrieben hat. Alles, was Paulus in seinem Römerbrief zu sagen hatte, gipfelt in dem hinreißenden Satz, der wie ein Jubelruf aufbraust: »Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserm Herrn!« (Römer 8,38‑39) Mit diesem Jubel stimmt Paulus das unvergleichliche Loblied des christlichen Glaubens an: Wir sind gewiss! Wir folgen keinen Träumereien und keinen Redensarten. Wir glauben an den Herrn, der Mensch geworden ist, der für uns ist, der bei uns ist und nur einen Wunsch hat: Dass wir ihm glauben, damit er etwas Großes und Gesegnetes aus uns machen kann. Er ist unsere Gewissheit, er führt und lenkt seine Gemeinde, sein Volk und die ganze Welt.
Wer in dieser Gewissheit wächst und reift, wird erfahren, dass er auch im Urteil über andere Menschen gewisser wird. Wir erkennen mehr und mehr, dass wir Menschen alle miteinander sehr schwache und wankelmütige Leute sind. Aber bei Jesus erkennen wir noch mehr: Wer Menschen aufrichten und helfen will, der suche nach dem guten Wort, das aufrichtet und das vergibt, das Wort, das nach vorne weist und die Vergangenheit entlastet. Wir werden darin immer gewisser, dass es nichts Größeres und Mut machenderes gibt, als einem Menschen zuzusprechen, dass er geliebt ist und gebraucht wird. Manchmal wird in alten Geschichten herumgerührt, in vergangenen Sünden und Fehlern. Man untersucht, wie das kam, und man kommt aus dem Anklagen und der Selbstanklage nicht heraus. Der Christ begreift schnell: Vergangenheitsbewältigung? Ja, aber nicht zu lange! Man klärt, man legt erkannte Schuld und Elend unter das Kreuz und vergisst, »was dahinten liegt«, und streckt sich zu dem aus, das da vorne ist... Jesus Christus (Philipper 3,13‑14). In dieser Gewissheit machen wir auch andere Menschen gewiss.
Zur Gewissheit gehört es, dass wir in unseren Gedanken »über Gott und die Welt« genauer und sachlicher werden. Ich halte es für ein Unding, wenn ein Mensch Christ werden will und sich keine Gedanken macht über den Glauben und über das Leben der Kirche. Kirchengeschichte ist nicht langweilig, und die Dogmatik der Kirche Jesu ist nichts Überflüssiges. Wer einmal hineingeschaut hat in die großen und leidenschaftlichen Auseinandersetzungen der Kirche, wie sie mit den Geistern der Zeit gerungen hat, wie sie sich Gedanken machen musste, um die Fragen nach Gott und Jesus, nach Heil und Liebe, nach Schöpfung und Erlösung zu klären ‑, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Es sind mit die besten Köpfe, die sich im Wirrwarr der Ideologien und Philosophien den Weg zur Wahrheit freikämpften. Und immer ging es um Klarheit und Gewissheit. Auch wir kommen an diesen Klärungen nicht vorbei. Darum werden wir als Christen immer auch Studien treiben, um nach Wahrheit für unsere Zeit zu fragen.
Einmal saßen wir in einer Gemeinde zusammen. Es ging um die Unterscheidung von Judentum, Islam und Christentum. Da meinte einer: »Das ist doch letztlich alles egal, Hauptsache, wir glauben an Gott!« Daraufhin sagte ich ihm: »Das ist eben nicht egal. Wer glauben und leben will, der hat ein Recht und die Würde zu fragen, an welchen Gott wir uns hängen und was passiert, wenn man sich an eine Gottheit hängt. Darum gehört es zum Menschsein, dass wir darüber nachdenken, dass wir hören und uns dann entscheiden können, wem wir uns ausliefern und wem nicht!«
Klaus Vollmer

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