Ich glaube, also bin ich nie allein
Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Wir können nicht ohne den anderen leben. »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei« (1. Mose 2,18). Wir bekommen unser Leben nicht allein, sondern dadurch, dass Vater und Mutter einander lieb hatten. Wir kommen gewissermaßen aus dem Wir und gehören immer zu einem Wir. Unsere Sprache haben wir von den Eltern und von dem Volk, in dem wir leben. Unsere Kultur, unsere Religion, unsere Zivilisation usw., das alles hat keiner von uns gemacht. Es wird uns von vielen anderen vorbereitet. Jeder kann es dann empfangen. Aber immer und überall sind wir aufeinander angewiesen. Wir reifen und bewähren uns immer im Miteinander. Das ist vom Leben, sprich von Gott, so geordnet. Wenn wir einmal allein sein wollen, dann freuen wir uns, wenn die anderen Rücksicht nehmen und uns eine Zeit des Alleinseins gönnen. Aber nach einer bestimmten Zeit kehren wir wieder zurück zu den anderen, die mit uns das Leben leben.
Genauso geht es mit dem Glauben an Jesus Christus: Wir kommen zu ihm durch andere Menschen. Die Gemeinde der Glaubenden gibt es immer schon vor uns. Wer an Jesus Christus glaubt, findet bei ihm immer andere, die auch an ihn glauben. Wir entscheiden niemals, ob es eine Gemeinde Jesu geben wird oder nicht. Es ist längst entschieden, dass es sie gibt, und es ist auch entschieden, dass ich, wenn ich an Jesus glaube, auch dazugehören werde. Die Gemeinde Jesu und Jesus selber gehören unauflöslich zusammen. Es gibt das eine nicht ohne den anderen. Wer Jesus will, aber die Gemeinde nicht, muss aufpassen, dass er sich nicht etwas vormacht und vor lauter Einsamkeit alles verliert.
Unser Herr verschenkt sich an seine Gemeinde, sie ist sein Leib. In der Gemeinde wirkt er, hier ruft er, hier gestaltet er, hier gibt er Aufträge, hier lässt er schöne und schreckliche Stunden erleben, hier gibt er Zeit zum Wachsen und Reifen. Hier kann man sich bewähren, und hier kann man scheitern. Hier kann man neu anfangen, und hier kann man auch etwas beenden. In der Gemeinde geschieht die Taufe: Hier wird der Mensch auf Zeit und Ewigkeit beschlagnahmt und gesegnet. Hier, in der Taufe, gibt sich der Herr dem Menschen zum Eigentum, und der Mensch kann sich dem Herrn zum Eigentum geben. In der Gemeinde steht der Abendmahlstisch: Hier sind wir geladen, hier kommt Jesus in Brot und Wein zu uns und verschenkt sich jedem, der ihm glaubt. In der Gemeinde Jesu werden die Feste gefeiert, die das Leben schön und groß, weit und ernst machen. Was für einen Reichtum hat der Herr seiner Gemeinde in der ganzen Welt gegeben! Das ist wirklich einzigartig und unvergleichlich.
Ich schäme mich meiner Kirche nicht! Ich weiß ein bisschen davon, wie groß die Nöte und Schäden sind. Mir muss keiner sagen, wie viel Probleme wir haben. Aber ich habe nie eine Schuld oder Not erlebt, zu der ich nicht auch fähig gewesen wäre. Und ich habe auch keine Schuld und Not erlebt, die nicht von dem Herrn getragen wurde, der diese Kirche gegründet hat und der sie auch erträgt, führt und segnet. Wenn wir Schuld und Fehlentwicklungen in der Kirche sehen, dann lasst sie uns nennen, aber lasst uns nicht anklagen. Wer sind wir denn? Dann lasst uns vielmehr unseren Herrn bitten, dass er Schuld vergebe und durch seinen Geist etwas Neues beginnen möchte. Er selber gebe, dass wir dann nicht abseits stehen, sondern mit unseren Brüdern und Schwestern an der schönsten Sache der Welt mittun, Gemeinde zu bauen und Mission zu treiben, hier und in aller Welt.
Es gibt Religionen, wo der Mensch allein seinen Gott und seinen Weg zu einem geheiligten Leben finden soll. Ich habe darüber nicht zu urteilen. Aber bei uns Christen ist das anders: Wir gehören zusammen. Wir sind durch Jesus Christus zu Brüdern und Schwestern gemacht. Wir haben einen Vater, wir empfangen eine Erlösung durch den Sohn, und uns verbindet der eine Geist, der uns Jesus offenbart, der uns die Liebe ins Herz gibt und uns in die Wahrheit führt.
Dies ist die Größe und die Würde jedes Christen. Darin ist auch oft Bürde und Last, wenn wir ihm folgen. Wir sind keine Engel, die anderen sind es auch nicht. Die Wanderung durch die Zeit gleicht oft mehr dem Holpern und Stolpern einer zerstrittenen Karawane als dem lobenden Pilgerzug, der sich mit leuchtenden Augen dem himmlischen Jerusalem nähert. Und dennoch wirkt unser Herr gerade mitten in unseren Grenzen, mitten im Stolpern und oft auch im Hinfallen. Wenn wir um Jesu willen in der Gemeinde leben, entdecken wir ihn in ungezählten Begegnungen. Wer immer nur nach Idealen fragt, wird mehr Fehler als Freunde finden. Wer dem Herrn glaubt, wird gerne in der Gemeinde sein und auch glauben können, dass unser Herr hier sein Werk hat. Jesus wird seine Gemeinde bauen und erhalten bis zum Ende der Tage. Die Gemeinde wird mit Dank durch die Zeiten ziehen. Und sie wird mit unaussprechlicher Freude Ihn sehen, wie er wirklich ist.
Aber was bedeutet das praktisch für das Leben der Gemeinden heute? Wie kann Kirche Jesu heute und morgen aussehen? Wie kann sie in die Gesellschaft hineinwirken?
Eine bestimmte Epoche europäischer Kirchengeschichte ist zu Ende gegangen. Sie begann mit dem Konstantinischen Zeitalter 313. Es war eine dramatische Geschichte, als Konstantin der Große das christliche Zeitalter einläutete und sein Sohn Theodosius 380 das Christentum zur Staatsreligion erhob. Das war die Wende zum christlichen Europa. Damals begann ein Kapitel, das jetzt langsam zu Ende geht ‑ in der die Kirche in einer mehr oder weniger glücklichen Einheit von Staat, Kultur und Gesellschaft die Menschen mit dem Christentum versorgte.
Wir sollten sehr genau hinsehen, bevor wir darüber herfallen. Das war einer der großen, leidvollen, aber auch unerhört gesegneten Abschnitte europäischer Geschichte. Es gäbe keine Dome, keine Kirchen ‑ es gäbe das ganze christliche Leben Europas und Amerikas nicht, wenn es das nicht gegeben hätte. Da ist viel Menschliches gewesen, viel Sündiges, aber durch das Menschliche und Sündige hindurch hat der Herr seine Kirche gebaut.
Man denke an Augustinus. Seine Geschichtsphilosophie (»De civitate Dei«) löste die antike Vorstellung von einem ewig sich wiederholenden Kreislauf ab. Nach Augustinus verläuft die Geschichte in sechs heilsgeschichtlichen Perioden auf das Endgericht zu. Die Geschichtsphilosophie und -theologie des Augustinus erlangte nicht nur für die Kirche, sondern für das gesamte Abendland große Bedeutung. Die Auseinandersetzung hierüber ist bis heute nicht abgeschlossen!
Oder man denke an den spanischen Philosophen und Theologen Dominicus, der Mitte des 12. Jahrhunderts die Philosophie reformierte, indem er arabisch-aristotelisches und neuplatonisches Denken mit christlich‑frühscholastischer Theologie verband.
Oder Franz von Assisi. Er entdeckte neu das Evangelium des Dienens und der Armut und rüttelte Europa auf.
Man denke an Thomas von Aquin, der eine globale Synthese von Glauben und Wissen, Offenbarung und Vernunft, Gnade und Schöpfungsordnung, Theologie und Philosophie versuchte - ein gewaltiges Werk.
Oder Martin Luther, dessen Wiederentdeckung der Erlösung allein durch die Gnade Gottes in weiten Teilen des Abendlandes eine große Glaubenserneuerung auslöste.
Man denke an Gerhard Tersteegen, einen der bedeutendsten Seelsorger seiner Zeit und pietistischen Mystiker des 18. Jahrhunderts. Sie alle gehören zu dieser einen großen Kirche, die einmal so entstanden und eine gewaltige Epoche gehabt hat.
Das Ende dieser Epoche begann ganz leise Mitte des 16. Jahrhunderts, als Nikolaus Kopernikus erkannte, dass sich die Erde um die Sonne dreht, nicht umgekehrt, die Erde also nicht Mittelpunkt der Welt war (»Kopernikanische Wende«).
Wirklich beendet wurde diese Epoche des »christlichen Abendlandes« aber erst in unserer Zeit. Heute hat die Kirche einen dramatischen Wandel durchzumachen.
Was für Jahrhunderte möglich und auch nötig war, ist so nicht mehr möglich und auch nicht nötig. Die Zeit, wo die Kirche die Menschen mit »Religion« versorgte, ist zu Ende. Die Menschen unseres Kulturraumes sind bewusster und gebildeter geworden. Das demokratische Verständnis erlaubt keine Versorgung »von oben« mehr. Der in der Neuzeit entstandene Individualismus hat die Menschen weitestgehend dazu gebracht, ihre Entscheidungen selber zu fällen. Die Gesellschaft und die einzelnen Menschen warten nicht mehr auf Anweisungen. Sie gestalten ihr Leben selber. Und wenn man nicht fragen will, dann möchte man auch keine Institutionen, die einem dauernd Fragen beantworten, die man gar nicht gestellt hat. Man möchte auch keine Regieanweisung fürs Leben, wenn man selber längst die Regie ergriffen hat.
Diesen Wandel kann man bedauern oder nicht, Tatsache ist - die Zeiten und die Menschen haben sich geändert, und die Kirchen tun gut daran, wenn sie diese Veränderungen wahrnehmen und sich darauf einstellen. Das Evangelium von der Versöhnung Gottes in Jesus Christus ist ewig, aber die Weise, dieses Evangelium zu sagen und in Gemeinschaftsformen zu leben, unterliegt dem Wandel der Zeiten. Die Heilige Schrift weist auf das Heil in Jesus Christus hin, aber wie heute Gemeinschaft und Kirche leben kann und soll, das lese man aus der Gegenwart ab. So wie Luther die Liebeslieder seiner Zeit mit neuen Texten unterlegen konnte, um der Reformation zum Durchbruch zu helfen, werden wir heute fragen müssen, wie Menschen unserer Zeit das Evangelium neu hören und weiche Formen gefunden werden müssen, um miteinander als Christen zu leben.
Ich hörte von einer Gemeinde, in der der Kirchenvorstand beschlossen hat, zunächst einmal die Kirchenbänke herauszuholen. Dann hat man einfache, aber solide Stühle in den nun weiten Kirchenraum gestellt. Die ganze Woche ist die Kirche von morgens um sieben bis abends offen.
Nun kann kommen, wer will. Die Verantwortlichen hatten begriffen: Wer Kirchen abschließt, lebt als Kirche abgeschlossen. Die Menschen kommen nicht mehr herein, also gehen sie woandershin. Die Kirche muss für die Menschen offen sein.
Ich könnte noch weitere Beispiele nennen. Eines wird daran deutlich: Gemeinde Jesu kann nicht von der Gestalt eines vergangenen Jahrhunderts bestimmt werden. Was gestern möglich war, kann heute unmöglich oder sogar geistlich tödlich werden. Wer heute Gemeinde sammeln und bauen will, der muss die Menschen zum Gespräch bringen. Dabei dürfen nicht nur landläufige Selbstverständlichkeiten verhandelt werden, sondern es müssen auch die Fragen und Nöte der Zeit zur Sprache kommen.
Von einer Gemeinde erfuhr ich, dass der Pastor jeden Monat einmal die Schlagzeilen der Tageszeitung vornimmt, um mit der Gemeinde und auch mit kirchlich Außenstehenden die Zeit zu deuten und zu begreifen. Der Andrang zu diesen Gottesdiensten, so berichtete mir eine Kirchenvorsteherin, sei groß geworden. ie Menschen hörten gerne zu und seien anschließend zu ehrlichen Gesprächen bereit. Zum ersten Mal, erzählte eine Kirchenvorsteherin, habe sie den Eindruck gewonnen, dass Kirche den Menschen unserer Zeit wieder etwas zu sagen habe und dass die Menschen sich gerne in der Kirche mit allen unterhielten.
Die Zeichen der Zeit sind bei all diesen Versuchen verstanden worden. Wenn ich die Sache richtig sehe, passiert uns folgendes: Wir erleben den Umbruch von der Versorgungskirche« zur »unternehmenden Kirche«. Die Zeit, wo »von oben«, das heißt von der Kanzel, die Gemeinden »religiös versorgt« wurden, ist unwiederbringlich zu Ende. Es geht nicht mehr so, dass einer redet, und die Menschen hören zu. Ein junger Arzt sagte mir: »Wenn die Kirche nicht aufpasst, ist bald keiner mehr zum Zuhören da. Wer Menschen halten will, der muss sie gewinnen wollen. Wer Menschen gewinnen will, muss ein gewinnendes Programm und gewinnende Menschen haben!« Das alles ist leicht gesagt, aber wo und wie werden wir das schaffen?
Die Erkenntnis, dass die Versorgungskirche nicht mehr greift und so nicht mehr zu leben ist, haben viele haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter. Viel problematischer ist der nächste Schritt: Wie sieht eine »unternehmende Kirche« aus? Gewiss haben die Freikirchen, die christlichen Vereine und Werke eine große Erfahrung, die sie den Volkskirchen in Ost und West mitteilen können. Aber eine unternehmende Kirche ist etwas anderes als die gemeinhin bekannte Freiwilligkeitskirche, obwohl hier bereits große Schritte zur unternehmenden Kirche gegangen sind. Eine unternehmende Kirche hat völlig andere Strukturen: Die Religion kommt gewissermaßen nicht mehr von »oben«, sondern es ist die Gemeinde selber, die Menschen besucht, die das Evangelium verkündigt, die sowohl die äußeren wie die inneren Aufgaben anpackt und löst und die mit eigenen Gaben und Mitteln dafür sorgt, dass Gemeinde lebt.
Die unternehmende Kirche wird nicht nur dafür sorgen müssen, dass die Gelder für das ganze Unternehmen von den Mitgliedern kommen, sondern sie wird die Frage stellen und beantworten, wie im ausgehenden 20. Jahrhundert, mitten im Pluralismus, mitten im Auflösungsprozess alter Werte, inmitten der Begegnung von Kulturen, Religionen und Völkern christlicher Glaube neu gedacht, gesagt und gelebt werden kann. Wenn in einer Schule Moslems aus der Türkei und aus Kroatien sind, Jugendliche aus Sachsen und aus Bayern und dazu noch einige Russlanddeutsche, dann geht es nicht mehr nur um ein Sprachproblem. Dann muss gefragt werden, wie denn nun der christliche Glaube ausgesagt und gelebt werden kann.
Wollen die Deutschen in der Kirche einer Kleinstadt oder auf einem Dorf unter sich bleiben, oder werden sie merken, dass Internationalität, interkulturelle Aktion und die Begegnung verschiedener Religionen zur Aufgabe der Zukunft gehören? Die Überschaubarkeit einer Gemeinde, aber auch die religiöse und ethisch‑sittliche Einheit sind zu Ende. Darauf werden sich Christen einstellen müssen. Dies ist nicht eine Sache des Landeskirchenamtes; das kommt nicht von oben, sondern das wird langsam, aber sicher in den Gemeinden gedacht, entdeckt und umgesetzt werden müssen. Wir wissen noch nicht genau, wie das geht, aber wir wissen, dass die alte Struktur der Volkskirche so nicht mehr durchtragen wird.
Ich hörte jetzt von der Stadt Basel, dass der Staat das Einziehen der Kirchensteuern nicht mehr übernimmt. Nun müssen die Gemeinden überlegen, wie sie die Mittel und die Menschen bekommen, um Gemeinde zu bauen. Ein Amtsbruder sagte mir: »Nach dem ersten Schock setzt jetzt eine erstaunliche Willigkeit ein, Neues zu denken und zu wagen, damit wir als Gemeinde Gemeinde bauen!«
Die Kirche trägt keine Krone, sondern das Kreuz. Die Krone ist immer ein Zeichen von Herrschen und Verfügen. Wo die Krone ist, da ist der Untertan nicht weit. Unsere Zeit hat keinen Sinn mehr für Verbeugungen vor Kronen. Die Institutions‑Verdrossenheit hat hier einen entscheidenden Grund: Man will nicht mehr buckeln, weder vor einem Minister noch vor einem Pastor. Man will keine Weisungen von »oben«. Darauf wird eine unternehmende Kirche sich einstellen. Die Menschen wollen nicht mehr, dass jemand das letzte Wort spricht, das sie selber nur anzunehmen haben. Die Demokratie lehrt uns: Wir haben eine Stimme. Mit dieser Stimme können wir mitreden. Nun möchten die Menschen mitreden. Und wo sie das nicht dürfen, da lassen sie die allein, die allein reden wollen.
Es geht auch hier nicht um Methoden; denn darin sind wir uns ja lange einig, dass wir nicht mehr die Herrschenden sind. Es geht um eine Erkenntnis: Gott wird Mensch. Das heißt, dass Gott in den geschichtlichen Entwicklungen auch hier immer wieder die liebende Menschwerdung in seiner Kirche vollzieht. Wenn die Gesellschaft demokratisch wird, dann wird sich die Kirche fragen, wieweit sie diesen Umdenkungsprozess auch in der Gemeinde übernehmen kann und muss. Dies wird nicht ohne Auseinandersetzungen abgehen. Aber Gemeinde Jesu wird Schritt halten wollen mit dem Gott der Geschichte.
Die Kirche hat ein Kreuz als Spitze. Am Kreuz hängt der schwache Gott, nicht der starke! Vom Kreuz kommen keine Befehle und keine Drohungen. Das Kreuz steht dort, wo Menschen leiden, wo sie zugrunde gehen. Das Kreuz hat eine Nähe zum Elend. Wenn wir Kirche sein wollen, dann lasst uns mit Jesus in das Elend der Menschen gehen. Der Gekreuzigte bevormundet nicht, er bittet für die schrecklichste Verirrung: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« Dies ist die Botschaft, die vom Kreuz kommt. Der Gekreuzigte, der jetzt auferstandene Herr, hört auf die Menschen und antwortet auf die Nöte, die sie herausschreien. Als ein Verbrecher am Kreuz ihn anflehte: »Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!«, da antwortete Jesus ihm: »Wahrlich, du kannst dich darauf verlassen ‑noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!« Jesus sagt: »Du mit mir im Paradies!« Das ist die Botschaft vom Kreuz. (Lukas 23,33‑43)
Die unternehmende Kirche wird hingehen in das Elend. Sie wird die Fragen hören und versuchen, genau darauf zu antworten. Ob sie es kann? Vielleicht werden wir bestimmte Predigten nicht mehr halten, weil sie nicht mehr passen, weil sie dem Aufschrei der Menschen keinen Ausdruck geben? Vielleicht werden wir als Kirche keine fertigen Antworten mehr haben, sondern werden wieder vorsichtig und behutsam versuchen, überhaupt die Fragen der Menschen zu verstehen?
Die Kirchen haben ein Kreuz auf ihren Turmspitzen: Das Höchste und Größte, was wir haben, ist die Armseligkeit Jesu. Er ist dahin gegangen, wo er von Gott und von allen guten Geistern verlassen war. Dort konnte er nur noch schreien: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Matthäus 27,46) In diesem Augenblick der letzten Verlassenheit ging Gott in Jesus Christus in unsere Hölle, denn er will nicht, dass Menschen in der tiefsten Verlassenheit, im Abgrund von Krankheit und Einsamkeit bleiben. Die Botschaft vom Kreuz will den Menschen in der Tiefe die schönste und reinste Liebe bringen. Am Kreuz Jesu wird nichts mehr gemacht, da hat keiner mehr recht. Da handelt Jesus an uns und gibt jedem Sein Recht.
Die Kirche von morgen wird wieder eine Kirche des Kreuzes sein, sonst wird sie nicht mehr Kirche sein. Wer morgen mittun will in der Gemeinde Jesu, der übe sich ein, etwas ganz Neues, das ganz alt ist, zu unternehmen: Menschen zu gewinnen für das Geheimnis Jesu, das Geheimnis Jesu zu gewinnen für die Menschen.
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, heute und morgen mitzutun an der Gemeinde. Kritik bringt nicht viel, aber die liebende Phantasie und die Hingabe wird die beste Hilfe sein, die wir alle brauchen. Damit keiner einsam sei.
Soweit wir das heute beurteilen können, vollziehen sich große Umwälzungen im politischen, im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Raum. Keiner weiß, was morgen sein wird. Nur eines glauben wir Christen: Es ist der gekreuzigte und auferstandene Herr, der die Geschichte weiterbringt. Und für die Gemeinde Jesu wird der alte Satz immer neu bleiben: Die Heimkehr zu dem Geheimnis Jesu ist der gewisseste Weg in die Zukunft, zu den Menschen und in immer neue Verhältnisse. Wir fürchten nicht den Wandel der Zeiten, sondern wir gehen getrost der Zukunft und damit dem Ende aller Zeiten entgegen. In diesem Ende ist Sein neuer Anfang. Jeder Dienst in der Gemeinde Jesu ist immer Dienst für die Ewigkeit. Wen wir hier sammeln und segnen, wen wir hier versöhnen und zum Glauben führen, der wird uns auch unseren schwächsten Dienst noch in Ewigkeit danken. So gehen wir als Glaubende in die Gemeinde und rufen zur Gemeinde. Ich glaube, also bin ich ‑ ein Mensch in der Gemeinde Jesu. Und ich werde es heute und morgen bis in Ewigkeit sein!
Ich glaube, also bin ich - geliebt, gewiss, nie allein und „in der Wahrheit“. Darum geht es im nächsten Kapitel: Ich glaube, also bin ich in der Wahrheit.
Klaus Vollmer

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