Noch einmal: Nutze den Tag
Wir haben sieben Kennzeichen des Glaubens betrachtet. Christen sind erreicht und geprägt worden von dem gegenwärtigen Herrn Jesus Christus. Diese Prägung geht tief. Sie geschieht nicht von heute auf morgen. Der Glaube hat Zeit, und die Reifung zur Persönlichkeit braucht Zeit. Aber jeder Christ wird erfahren, wie sich das, was in den sieben Punkten angezeigt ist, durchsetzt. Jeder wird noch andere Auswirkungen der Gegenwart Jesu erfahren, die wir hier nicht aufgeführt haben: Den Lobgesang, das Heimweh nach der Ewigkeit, die Erfahrungen, die jeder im Gebet machen wird, und vieles andere mehr. Das Leben der Christen ist unendlich reich.
Wenn heute so viel geklagt und gejammert wird, der christliche Glaube sei alt und verbraucht, dann ist das einfach nicht wahr. Bestimmte Formen und Denkmuster sind verbraucht, aber das Evangelium ist jung und begeisternd. Im Evangelium kommt eine Liebe und eine Weite zur Sprache, die ich nirgendwo sonst in der Welt vernommen habe (und ich bin ein wenig in der Welt herumgekommen). Im Evangelium ist ein geistiger Reichtum, der bis jetzt die Philosophen inspiriert. Aber überholt hat noch keiner von ihnen die Tiefe und die Weite des Evangeliums.
Was lähmt, ist das Gesetz, sind die schrecklichen Ängste der Frommen, die immer und überall Gefahren wittern, ständig ermahnen und überall Dämonen ahnen. Was müde macht, ist die Denkfaulheit, die nicht mehr wagt, die Grenzen des Gewöhnlichen zu sprengen.
Wie sagte Mr. Keating: »Hören Sie genau hin. Gehen Sie ganz nahe heran: Carpe diem! Nutze den Tag!«
Bei unserem Herrn ist das noch anders: Er ist es, der den Tag nutzt und nach uns greift. Er ist es, der die Chance nutzt und aus uns etwas macht!
Wissen wir, wie das christliche Europa entstanden ist? Als Paulus an den Fluss von Philippi ging, traf er auf eine Unternehmerin. Sie handelte mit Purpurstoffen, das Feinste vom Feinen. Paulus verkündigte ihr das Evangelium. Was muss die Frau gestaunt haben! Und dann heißt es: »Da tat der Herr Lydia das Herz auf!« (nach Apostelgeschichte 16,14). Es war der Herr, der die Chance ergriff. Sonst hätte Paulus sich lange abstrampeln können. So begann das christliche Europa.
Jesus ist es, der die Chance ergreift und aus uns etwas macht. Und es ist Gott, der Vater, der seinem Sohn leise zuredet: »Carpe diem! Nutze den Tag!« Dann kommt er auch zu uns. Und er macht aus uns, was nur er aus Menschen machen kann. Ich glaube ihm das, also bin ich das!
Klaus Vollmer

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