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Alle Briefe, die von drüben bisher bei uns ankamen.

Theo Angelopoulos

Theo Angelopoulos zum Bibelsonntag, 29 Januar 2012

Kaum bist du wieder daheim, fragen sie nach dir, Theo.

Ein nicht mehr ganz junger Mann bittet für seine Lieblingstante, die Kinotante. Sie heißt Helene und war für ihn immer die "fromme Helene". Sie nahm ihn nicht in die Kirche mit, denn das war leider nicht ihr Ort, wohl aber ins Kino. Das Kino, sagte sie ihm, ist meine Kirche. Da kann ich gut nachdenken und beten. Im Kino, Tante Helene? Ja, im Kino. Du wirst schon sehen. Und so brachte sie ihrem Neffen die Kunst des Sehens bei und lehrte ihn Geduld. Denn ihre Lieblingsregisseure waren für den Jungen eine Zumutung. Alle von der langsamen Art. Ozu hieß einer, Tarkowskij ein anderer, einen Bergman gab es, einen Dreyer, einen Kieslowski. Und vor allem „ihr geliebter Theo“. Theo Angelopoulos. Jetzt ist er von einem Motorrad überfahren worden und gestorben. Sagt ihm einen Gruß, wenn es geht, soll er bitte einen Himmelsbrief für Tante Helene schreiben.

Gern schreibe ich. Aber ich schreibe nur, was ich Helene längst geschrieben habe. Meine Himmelsbriefe waren meine Filme. Und sie hat sie verstanden. Natürlich hast du dich am Anfang gelangweilt. Und doch bist du immer wieder mitgegangen. Manchmal warst du traurig, dass sie dich nie in die Kirche begleitet hat. Du warst ein frommes Kind, und soweit ich es beurteilen kann, hat es dir nicht geschadet. Im Gegenteil. Dein Träumen und Denken in der Kirche mit den bunten Fensterscheiben: vielleicht dein erstes Kino...

Seit Jahren kommt deine Kinotante nicht mehr in ihre "Kirche". Ihre Augen. Ihre Ohren. Die krumme Wirbelsäule. Die Gelenkschmerzen... Aber Fernsehen und Video hat sie nicht und mag sie nicht. Da passen meine Filme nicht rein, sagt sie stolz und wehmütig. Seit sie nicht mehr so lange sitzen kann, ginge es sowieso nicht mehr. Aber das macht nichts, sagt sie. Ich habe meine Filme im Kopf. Ich lege mich aufs Ohr, schließe die Augen und schaue sie mir an. Immer wieder.

Erinnerst du dich an meinen ersten Film, also den ersten, den du erlebt hast? Dreimal hast du ihn damals angeschaut. Der Titel sagte dir nichts. "Landschaft im Nebel". Aber die Geschichte konntest du dir vorstellen. Zwei Kinder machen sich auf den Weg, um ihren Vater zu suchen. Alle meine Filme sind so. Es geht um Reisen, um Suchen, um Heimat. Den Vater finden die beiden nicht. Ob es ihn überhaupt gibt? Voller Lebensgefahr ist ihre Reise. Denn die Geschwister sind im Krieg unterwegs. Und ganz am Ende, geheimnisvoll, an einem Fluss, einem Grenzfluss, hört man Schüsse. Die beiden Kinder rennen durch den Nebel. Durch den Nebel ins Klare. Es reißt auf. Es wird hell. Vor ihnen taucht ein Baum auf. Die beiden laufen auf den Baum zu und umarmen ihn. Weißt du noch? Dir kamen Tränen, Tränen des Glücks. Mit jenem Film begann deine Liebe zu meinem Kino. Und es begann deine Dankbarkeit für Tante Helene, die fromme Helene, die dich sehen lehrte, sehen und staunen, staunen und fragen, fragen und suchen.

Ausgerechnet sie, die jetzt nicht mehr so lange sitzen könnte, brachte dir Sitzpolster bei, Geduld. Das Leben rennt an uns vorbei, aber was da vorbei rennt, ist nicht das Leben, wusste sie. Es sind nur Minuten, Stunden, Jahre. Du hast geahnt, dass es mehr gibt.

Wenn du in deiner Kirche bist und stille wirst, also andächtig bist, dann kommt dir vielleicht ein Bibelwort in den Sinn, das mir immer sehr einleuchtete. Es ist von Paulus aus einem seiner Briefe, die er einst nach Griechenland schrieb. Du weißt, ich bin in Griechenland daheim. All meine Filme sind in Griechenland daheim, in einem Griechenland, das friert und fröstelt. In einem Land, dessen Schmerzen ich schon als Kind kennenlernte. Doch was ich sagen will: Dieses eine Wort von Paulus empfehle ich dir zur Betrachtung. Ein Wort aus dem ersten Korintherbrief. „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“ (13,12).

Deine Kinotante wird lächeln, wenn du es ihr zusprichst. Ihr war dieses Rätselhafte kostbar. Dass die Menschen nie ganz durchblicken, aber Umrisse sehen. Dieses Geheimnis und diese Grenze zu lieben und zu achten, das kann uns glücklich machen, sagte sie. Ich weiß wohl, dass diese Grenze auch weh tut. Erinnerst du dich an eine Szene in einem anderen meiner Filme? Die Szene an einem griechisch-albanischen Grenzfluss. Eine eigenartige Hochzeit. Die Braut auf der einen Seite, der Bräutigam auf der anderen. Hüben und drüben. Hier und dort. Dazwischen der Grenzfluss. Hier die Familie mit der Braut, dort die Familie mit dem Bräutigam. Sie lieben sich. Sie heiraten. Aber sie kommen nicht zusammen. Auch damals kamen dir Tränen, aber es waren Tränen der Trauer. Und Tränen des Zorns, dass Menschen gewaltsam getrennt bleiben.

Geht es dir manchmal wie deiner Tante? Du schließt die Augen und siehst sie: unglückliche Heimkehrer, Migranten und Flüchtlinge. An Grenzen und Stacheldrahtzäunen, verloren und verängstigt. Ihre Schicksale rühren dich an. Aber du siehst mehr. Trotz deiner ersten grauen Haare hast du dir den Blick des Kindes bewahrt und kannst sehen, mehr sehen als das, was sichtbar ist. Das ist es doch, was uns verbindet. Deine Kinotante, dich und mich. Und unsere himmlischen Freunde.

Du als Kirchgänger und Kinogänger wirst vielleicht an diesem Sonntag einen anregenden Text hören. Hören und betrachten: den Text zum Bibelsonntag. Aus dem Buch Jesus Sirach im Kapitel 43. Wieder einmal bemerkst du, wie gut Kirche und Kino zusammenpassen. Jedenfalls für dich. Einen Vers (43, 32) zitiere ich dir: "Die Menge des Verborgenen ist größer als das Genannte, / nur wenige von Seinen Werken habe ich gesehen." So ist es.

Und wie ich das ausspreche, ergänzt eine Dichterin, Rose Ausländer, was ich sagen will. Immer ist es die Poesie, die unseren Gedanken weiterhilft. Vermutlich habe ich ein Leben lang nur dieses Gedicht verfilmt:

In dir

Über dir
Sonne Mond und Sterne

Hinter ihnen
unendliche Welten

Hinter dem Himmel
unendliche Himmel

Über dir
was deine Augen sehen

In dir
alles Sichtbare
und
das unendlich Unsichtbare

Also denn:
Bleib deinen Lieben treu. Als Kirchgänger. Als Kinogänger. Als Neffe.
Mit einem Gruß an die Kinotante:
dein, euer Brieffreund im Himmel, Theo Angelopoulos

PS
Bevor ich's vergesse: Falls du abends mit dem Motorrad unterwegs bist: Gib acht auf Fußgänger, auf träumende und müde Fußgänger, die wie ich - vor einigen Tagen in Piräus - unterwegs sind. Zwar ist unsere Heimat im Himmel, aber noch ist auf Erden viel zu tun. Gib acht. (Und denke freundlich an mein liebes, armes, reiches Griechenland.)