Paulus schreibt den Himmelsbrief zum Sonntag, 22 Januar 2012
"Kann ich bitte ein Gebet wieder zurücknehmen und umtauschen gegen ein besseres?" Sonderbare Frage. "Ich habe mich vor einigen Tagen falsch ausgedrückt, und jetzt ist es mir peinlich. Mehr als das: Heute schäme ich mich dafür. Es geht mir um einen frommen Spruch, der optimal zu meiner Stimmung gepasst hatte. Ein Spruch, der mich streichelte und tröstete. Ein Spruch, mit dem ich selig mein Gebet krönte. Ich weiß gar nicht mehr, woher ich ihn hatte: 'Was bedeutet schon Schiffbruch, wenn Gott der Ozean ist?' Denn war mein Leben nicht wirklich Schiffbruch pur? War nicht alles dumm gelaufen? In der Liebe, vor allem in der Liebe. Und da fiel mir dieser Spruch ein. Und schon ging es mir besser..."
Thema Schiffbruch? Da bin ich Experte. Ich, Paulus von Tarsus, weitgereister Völkerapostel zu Fuß und zu Schiff. Und wie mein Freund Lukas im 27. Kapitel seiner Apostelgeschichte anschaulich macht, erlebte (und überlebte) ich einen spektakulären Schiffbruch. Und dies war nicht die einzige Katastrophe meines Lebens. Und auch nicht meine einzige wunderbare Rettung. Oft genug hätte ich - im übertragenen Sinn - auch mein Leben als Schiffbruch empfinden können. Aber so war es nicht. Weder mein Leben noch meine Mission scheiterten. Was dagegen ein wirklicher Schiffbruch ist, kenne ich gut. Und deshalb schreibe ich dir auf der Stelle.
Du schämst dich, weil du die Bilder vom Schiffsunglück vor Italien gesehen hast? Und wie geht jetzt dein neues, dein besseres Gebet? Vielleicht geht es gar nicht mehr um deine eigenen Probleme. Du stellst dir die Angehörigen vor, ihre Angst, ihre Trauer. Du malst dir aus, wie entsetzlich es auf dem Schiff gewesen sein muss. Und du erinnerst dich an deine Tränen im Kino (fünfmal Titanic!) - und dein Herz klopft. Denn Tag für Tag passieren schreckliche Dinge. Die Nachrichten sind voll davon. Wie war es mit dem Kind, das bei Kap Arkona auf Rügen verschüttet wurde? Sie haben es nicht gefunden. Wie war es mit dem 15jährigen Skifahrer in Tirol, den sie tagelang unter der Lawine suchten? Sie haben ihn nicht gefunden. Dein Herz klopft und klopft. Menschen mussten die Suche aufgeben. Alle Menschen kommen an Grenzen.
Daheim habt ihr über die Unglücksfälle diskutiert. Dein Vater erinnerte an andere Schiffskatastrophen. Nicht nur an die "Titanic". Er sprach von der "Wilhelm Gustloff" im Krieg und von einer "Herald of Free Enterprise" auf dem Ärmelkanal. Von einer "Andrea Doria". Von der "Estonia". Von der "Dona Paz". Und von den vielen Flüchtlingsbooten... Die Natur ist uns immer noch überlegen. Gerade das Meer. Und wo war Gott? Bis tief in die Nacht habt ihr diskutiert. Dein Herz klopft und klopft. Aber so viel hast du kapiert: Deine eigenen Probleme sind schlimm, aber kein Schiffbruch. Keine Katastrophe. Nie mehr willst du sie so nennen. Und du betest für die Verunglückten, für Opfer und Helfer, für Kapitäne und Besatzung, für Piloten und Busfahrer, für Bergwacht und Rettungsschwimmer. Du betest und betest, bis du einschläfst. Denn ist das nicht ein Segen, wie du nun überm Beten einschlafen kannst? Und wie deine eigenen Sorgen klein und kleiner werden?
Zurück zu meinem eigenen Schiffbruch. Zu einem von dreien übrigens. Ich war als Gefangener unterwegs nach Rom. Ich zitiere die Apostelgeschichte: "Als wir schon die vierzehnte Nacht auf der Adria trieben, merkten die Matrosen um Mitternacht, dass sich ihnen Land näherte. Sie warfen das Lot hinab und maßen zwanzig Faden; kurz danach loteten sie nochmals und maßen fünfzehn Faden. Aus Furcht, wir könnten auf Klippen laufen, warfen sie vom Heck aus vier Anker und wünschten den Tag herbei. Als aber die Matrosen unter dem Vorwand, sie wollten vom Bug aus Anker auswerfen, vom Schiff zu fliehen versuchten und das Beiboot ins Meer hinunterließen, sagte Paulus zum Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn sie nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. Da kappten die Soldaten die Taue des Beibootes und ließen es forttreiben. Bis in die Morgendämmerung hinein ermunterte Paulus alle, etwas zu essen, und sagte: Heute ist schon der vierzehnte Tag, dass ihr ausharrt, ohne auch nur die geringste Nahrung zu euch zu nehmen. Deshalb rate ich euch: Esst etwas; das ist gut für eure Rettung. Denn keinem von euch wird auch nur ein Haar von seinem Kopf verloren gehen. Nach diesen Worten nahm er Brot, dankte Gott vor den Augen aller, brach es und begann zu essen. Da fassten alle Mut und aßen ebenfalls. Wir waren im ganzen zweihundertsechsundsiebzig Menschen an Bord. Nachdem sie sich satt gegessen hatten, warfen sie das Getreide ins Meer, um das Schiff zu erleichtern. Als es nun Tag wurde, entdeckten die Matrosen eine Bucht mit flachem Strand; auf ihn wollten sie, wenn möglich, das Schiff auflaufen lassen; das Land selbst war ihnen unbekannt. Sie machten die Anker los und ließen sie im Meer zurück. Zugleich lösten sie die Haltetaue der Steuerruder, hissten das Vorsegel und hielten mit dem Wind auf den Strand zu. Als sie aber auf eine Sandbank gerieten, strandeten sie mit dem Schiff; der Bug bohrte sich ein und saß unbeweglich fest; das Heck aber begann in der Brandung zu zerbrechen. Da beschlossen die Soldaten, die Gefangenen zu töten, damit keiner schwimmend entkommen könne. Der Hauptmann aber wollte Paulus retten und hinderte sie an ihrem Vorhaben. Er befahl, dass zuerst alle, die schwimmen konnten, über Bord springen und an Land gehen sollten, dann die Übrigen, teils auf Planken, teils auf anderen Schiffstrümmern. So kam es, dass alle ans Land gerettet wurden..."
Ende gut, alles gut? Rettungsgeschichten hören wir lieber als die, wo alle jämmerlich ertranken. Aber auch solche Geschichten wollen erzählt sein. Gerade sie. Nicht zu Nervenkitzel und schaurigen Gefühlen, sondern weil sie wahr sind und nicht vergessen werden dürfen.
Oft habe ich dem Tod ins Auge geschaut. In Rom starb ich später als Märtyrer. Doch da sah ich nicht dem Tod ins Auge, sondern dem Leben. Aber davon schreibe ich dir nicht, denn unverzichtbar ist der Vorhang zwischen euch und uns, zwischen Erde und Himmel. Nur so viel: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi. Da hatte ich einst den jungen Christen nach Rom geschrieben. Nichts, wirklich nichts kann uns von Gott trennen. "Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?" Nichts davon. "Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn."
Mein Schiffbruch war aufregend. Aber ich war in Gottes Hand. Mein Tod war schrecklich. Aber ich bin in Gottes Hand.
Weißt du noch, was dich bei Titanic besonders gerührt hat? Oft und oft hast du es dir angehört, das Lied von Celine Dion. "My heart will go on". Manche haben dich damals ausgelacht. Es war dir egal. Sollen sie lachen. Dich hat es gerührt. Was von Herzen kommt, dessen brauchst du dich nicht zu schämen. Eines Tages wurde es sogar dir zu viel. Aber den Text hattest du dir abgeschrieben. Für die meisten nur starkes Gefühlskino mit Liebesleid und Trennungsschmerz: Für dich - ein Gebet?
Jede Nacht in meinen Träumen seh' ich dich,
ich spür' dich und ich weiß, dass du weiterlebst.
Weit her über Zeit und Raum zwischen uns
bist du gekommen, um mir zu zeigen, dass es weitergeht.
Nah oder fern, wo immer du bist, ich glaube daran, dass das Herz weiterschlägt.
Du öffnest einmal mehr eine Tür und du bist hier in meinem Herzen,
und mein Herz wird es weiter und weiter tragen...
Dein Leben ist kein Schiffbruch, aber wenn du es doch einmal so empfindest, dann darfst du dir auch den Spruch ins Gedächtnis rufen, für den du dich heute schämst angesichts wirklicher Katastrophen. Was bedeutet schon Schiffbruch, wenn Gott der Ozean ist? Oder besser: Was bedeuten Tod und Leben, wenn Gott uns hält!
Dein Brieffreund im Himmel: Paulus