Ein Film, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, ist »Der Club der toten Dichter«. Es geht darin um das Leben in einem vornehmen amerikanischen College. Hauptfigur ist ein Lehrer, Mr. Keating, der seinen Schülern nicht nur Lernstoff beibringen will, sondern ihnen die Augen öffnet und Mut macht, das Leben zu entdecken und zu leben.
Zu Beginn des Films gibt es eine beeindruckende Szene. Der Lehrer kommt in die Klasse. Die jungen Herren sitzen und warten auf den Unterricht. Aber es geschieht etwas ganz anderes. Der Lehrer stellt seine Tasche weg, geht leise pfeifend durch den Raum zur hinteren Tür. Dort angekommen, winkt er den Schülern, die alle überrascht aufschauen. Er winkt sie zu sich. Die Schüler kommen zögernd hinter ihm her. Dann stehen sie in einem großen Raum, wo die Fotos der vergangenen Schulgenerationen zu sehen sind. Der Lehrer weist auf die Bilder. Und dann schauen die Schüler von heute in die Gesichter von jungen Menschen, die schon längst nicht mehr leben, denn die Photos sind über sechzig oder siebzig Jahre alt.
Dann sagt der Lehrer, Mr. Keating: »Sie sehen kaum anders aus als Sie, nicht wahr? Aus ihren Augen strahlt Hoffnung, wie bei Ihnen. Sie halten sich für wunderbare Dinge bestimmt, genau wie viele von Ihnen. Nun, wohin sind diese lächelnden Gesichter verschwunden? Was wurde aus ihren Hoffnungen?«
Mr. Keating geht rasch herum, zeigt von einem Foto zum nächsten, dann fragt er: »Haben die meisten von ihnen nicht gewartet, bis es zu spät war, um in ihrem Leben nur ein Quäntchen von dem zu verwirklichen, dessen sie fähig waren? Sie jagten den allmächtigen Götzen Erfolg und Geld nach. Haben sie dadurch nicht die Träume ihrer Jugend verraten? Jetzt sehen sich die meisten dieser Gentlemen die Radieschen von unten an! Doch wenn ihr nahe herangeht, Jungs, dann hört ihr sie flüstern. Gehen Sie näher heran. Lauschen Sie! Los! Hören Sie es? Ja?«
Die Schüler stehen still. Einige neigen ihre Ohren zu den Bildern. Dann flüstert Mr. Keating: »Carpe diem. Nutze den Tag!«
Das wünsche ich jedem, der in den kommenden Artikeln auf die größte und geheimnisvollste Wahrheit stoßen wird: Nutze den Tag. Das Leben ist zu schön und groß, als dass wir es mit platten Meinungen und Belanglosigkeiten füllen dürften. Es gibt mehr für uns alle.
Klaus Vollmer
--> 2. Glaube ist anspruchsvoll