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Atemholen Nr. 613 - 1. bis 14. Juli 2018

Außenbords festmachen

Man muss gewiss nicht als Junge an Küsten, Häfen und Binnenseen aufgewachsen sein wie ich, um das folgende kleine Gleichnis zu verstehen: Wenn eine Jolle in einer lauschigen Bucht zu einem Klönschnack der Freunde bei Wurst und Bier liegen bleiben soll, wird der kleine Anker an seiner Kette über die Bordkante geworfen, damit er sich im Boden festhaken kann. Der Anker wird nicht ins Boot geworfen, dann treibt das Boot ab. Das Schiff wird außenbords festgemacht, also in einem Grund, der tiefer liegt.

Wo und wie machen wir uns fest in unserem Leben? Wo habe ich mein Leben festgemacht? Es soll Leute geben, die es mit einem soliden Bankkonto versuchen. Andere haben sich um öffentliche Anerkennung mit Hilfe von zwei Staatsexamen und einem Doktortitel bemüht. Zwei bis drei Kinder zeugen, ein Buch schreiben und einen eleganten Wagen fahren ist eine anerkannte Alternative. Doch auch der solide Handwerker, ob Metzger, Bäcker, Schlosser, oder auch KFZ-Techniker hat sein durchaus anerkanntes Selbstbewusstsein. Bei alledem sei die Frage erlaubt, ob es sich um ein Festmachen außenbords handelt. Ich denke nicht daran, die schönen und wertvollen Begabungen und Gaben des Lebens schlecht zu machen, ich lebe doch selbst so gerne auf dieser Erde mit ihren Möglichkeiten. Doch muss die selbstkritische Frage erlaubt sein, ob unser Leben und Sterben ohne eine dankbare Gottesbeziehung gelingt? Kriegen wir es wirklich ohne Gott hin? Wohin es führt, wenn Menschen das versuchen, lässt sich mittlerweile am Zustand unserer Welt deutlich ablesen.

Der Glaube macht sich außenbords fest. Durch das ganze Evangelium geht immer wieder dieser Grundton: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung, dass Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“ (Paulus) „Kommt her zu mir alle, die ihr müde und überlastet seid. Ich will euch froh machen.“ (Jesus)

Könnten wir das doch verstehen lernen. Wir sind nicht selbst der Ankergrund unseres Lebens. Wir sind nicht das Fundament unseres Daseins. Wir können uns nicht selbst erlösen durch Leistungen und Verzichte. Damit wird keinesfalls die Würde der Person angetastet. Es wird uns keine religiöse Neurose eingepflanzt wie manche meinen. „Christus ist mein Leben“ sagt wiederum der große Lehrer des Glaubens, der Christ gewordene Paulus. Der Glaube an den Gott, der sich uns durch Jesus von Nazareth bekannt gemacht hat, will identisch sein mit unserem vollen Menschenleben, nicht nebenbei, sondern deckungsgleich. Alles andere ist religiöser Mumpitz.

Ob katholisch oder evangelisch, Baptist oder Methodist oder auch höchst sympathischer Atheist, ich berichte mit einem Riesensatz des Dr. Martinus Luther von der Freude auch meines Glaubens:

„Dies ist also der Grund, warum unsere Theologie (d. h. unser Glaube) voller Gewissheit ist: sie (er) reißt uns von uns selbst los und stellt uns außerhalb von uns (extra nos), so dass wir uns nicht auf unsere Kräfte, unser Gewissen, unsere Wahrnehmung, unseren Charakter und unsere Werke, sondern auf das verlassen, was außerhalb von uns ist, das heißt: auf die Verheißung und Wahrheit Gottes, die nicht trügen können.“ Zu schwer? Nein, der Anker muss über die Bordkante, „in Christus“ hinein. Das hält uns fest und macht uns frei.

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