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Atemholen Nr. 718 - 14. März 2021

Das Wörtchen "Gott"

Sparsam verwenden, nicht wie Senf überall dazugeben, nicht als Sauce für geschmacklose Lebenserfahrungen (»Da haben wir den Salat! Da kann nur Gott noch helfen!«), nicht als Lokomotive vor Parteien, Stimmungen, Staatsbankrott missbrauchen, nicht als Zuckerguss für Gefühle, nicht als Keule für solche, die anders sind, anders denken, überhaupt nicht als Ersatzwort einsetzen. Sparsam verwenden. Vielleicht besser gar nicht für geraume Zeit. Vielleicht nur an bestimmten Tagen, bei bestimmten Leuten, bei Leuten, die vorsichtig damit umgehen, die noch wissen, was ein Wort kostet.

Angesichts religiöser Texte und kirchlicher Verlautbarungen, allmorgendlich in gewissen Radiominuten, gelegentlich bei Politikern und Verwandten, bei Betriebsweihnachtsfeiern, wird mir ganz schlecht, wie oft und unbesorgt »Gott« gesagt wird, einfach so. Wie halten Sie es denn mit der missionarischen Arbeit, mit der Evangelisation, wurden wir gefragt, man müsse doch klar aus Gottes Wort, gemeint war die Bibel, leben und handeln. Was diese Gottesbenützer alles wissen. Sprüche wie Waffen, ein Arsenal wie bei Aldi und Norma, Gott in jeder Größe, für jeden Anlass, Gottes Wort, Gotteshaus, Gotteskind, oGottoGott, Gottessohn, Gottvertrauen, Gott zum Streuen, zum Einwickeln, zum Glätten und Bügeln, als Süßstoff, Fett, Mantel, Lack, Hochglanz, Gott als Senkrechte, als unheimliche Dimension, Stoff, aus dem die Träume sind, Sonderangebot, Gott vorn, hinten, und all das würde ja irgendwie auch schon in der Bibel stehen.

Ich vertrage nicht so viel Gott. So viel »Gott«. Als Berufsprediger hätte ich zwar ständig was im Ofen, aber ich kann nicht und will nicht. Es geht um Askese, um Entschlackung, um Verzichtenkönnen und Neuentdecken. Ob wir dann Jahwe sagen, Allah, Gott, das ist nebensächlich. Sagen wir ruhig »Gott«, wenn wir ihn meinen. Aber lassen wir ihn aus dem Spiel, wenn wir uns selbst meinen, unsere Bedürfnisse, unsere politischen Machtansprüche, unsere Vorliebe für eine bestimmte Dogmatik, für Rom, für Deutschland, für Aufrüstung oder Zivildienst, für Autobahn oder Wald oder was weiß ich. Wenn Gott nicht mehr Senf ist, wäre viel gewonnen.

Michl Graff

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