Atemholen Nr. 641
5. Mai 2019

Natürlich sind wir tolerant, was denn sonst? Wir akzeptieren jede Meinung und Lebensauffassung. Aus Prinzip. Leicht gesagt und ungeprüft. Da muss man genauer werden. Aus Prinzip tolerant sein, kann lebensgefährliche Folgen haben. Wenn alles richtig und gleich wichtig ist, ist schließlich nichts mehr richtig und wichtig. Alles löst sich auf wie der Schnee in der Sonne. Das hohe ethische Gut der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden muss mit Vernunft und Verstand und gewiss auch im Glauben gepflegt und gelebt werden. Es darf nicht sein, dass jemand sich tolerant nennt, weil er keine eigenen Überzeugungen hat und sich im Leben nur schlecht auskennt. Also aus Bequemlichkeit und Denkfaulheit tolerant. „Zum Kotzen“, sagt einer meiner Freunde da. Toleranz ist kein Wackelpudding.
Du hast gut reden, sagt die Stimme am Telefon, was weißt du schon von meinen Problemen? Und das Gespräch ist beendet. Wie kommt es, dass wir einander so gern Ratschläge geben? Und welcher Teufel reitet uns, bedenkenlos vom Selbsterlebten auf andere zu schließen? Höhepunkt der gutgemeinten Unverfrorenheit: Wenn ich du wäre...