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Von der Provokation der Feindesliebe

Matthäus 5, 38-48

Von allen Texten der Bergpredigt haben die Worte Jesu vom Hinhalten der anderen Backe (Vers 39) und von der Feindesliebe (Vers 44) die entschiedenste Ablehnung und die leidenschaftlichste Zustimmung hervorgerufen. So begründete etwa der Philosoph Herbert Marcuse seinen Widerspruch so: „Der Hass gegen Ausbeutung und Unterdrückung ist ein humanes Element… Nichts ist entsetzlicher als die Liebespredigt: Liebe deine Feinde! In einer Welt, in der Hass durchaus institutionalisiert ist.“ Der Bürgerrechtler Martin Luther King wiederum brachte seine Begeisterung über die Worte Jesu mit den Worten zum Ausdruck: Ich weiß kein intelligenteres Gebot als das der Feindesliebe, denn nur die Befolgung dieses Gebotes kann die unselige Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen und Versöhnung zwischen Feinden bewirken." Immerhin hat Martin Luther King mit der auf dem Gebot der Feindesliebe gegründeten Strategie des gewaltlosen Widerstandes erfolgreich die Gleichberechtigung für die schwarzen Bürger in den USA erkämpft. Das Gebot der Feindesliebe darf darum nicht im Sinne einer "Duckmäuser-Ethik" missverstanden werden, nach der Menschen aus Feigheit und Ängstlichkeit dem Feind die Backe hinhalten, statt ihm trotzig die Stirn zu bieten. Im Gegenteil: Praktizierte Feindesliebe erfordert enorm viel Mut und Zivilcourage. Der unbedingte Wille, sich mit seinen Feinden zu versöhnen, schließt den Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit nicht aus, sondern gerade ein. Die Frage ist allerdings, mit welchen Waffen bzw. Methoden dieser Kampf geführt wird. Die Antwort kann nur heißen: Strikter Gewaltverzicht - und ein dafür umso entschlosseneres Rechnen mit der lebens- und gesellschaftsverändernden Macht der Liebe. Nur bei beherzter Feindesliebe, die den Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung einschließt, geraten Fronten in Bewegung, wird Böses schließlich überwunden und werden aus Feinden versöhnte Partner. Die Feindesliebe, die Jesus von seinen Anhängern erwartet, ist also keine kriecherische, unterwürfige, sondern eine kämpferisch und zielstrebig auf Gerechtigkeit und Versöhnung hin arbeitende Liebe. Während unsere menschliche Logik meint, wir müssten Feinde besiegen, ausschalten oder vernichten, rechnet Jesu Logik mit der Möglichkeit der Verständigung und Versöhnung.

Text aus: Klaus Jürgen Diehl, In 99 Tagen durch die Bibel, © Brunnen-Verlag
Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers. Gemälde Kristina Dittert © 2011