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— Gott

Der Bibelraucher

Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Hellwach oder hundemüde. Begeistert oder gleichgültig. Zufrieden oder voller Sehnsucht. Was du auch fühlst und wie es dir geht: Gott weiß es. Fühlt mit dir. Will für dich da sein, in guten Zeiten und in schlechten erst recht. Er hat immer genau das Richtige für dich. Darauf kannst du dich verlassen.

Der Bibelraucher

Wilhelm Buntz alias Helmi, 1954 in Ulm geboren, hat ein bewegtes Leben hinter sich. Als Säugling von seiner eigenen Mutter ausgesetzt, geriet er schon früh auf die schiefe Bahn. Er war in unzähligen Erziehungsheimen zu Gast, büchste noch häufiger aus, bis er sich schließlich ganz aus dem Staub machte: nach St. Pauli. Dort blieb er einige Zeit unentdeckt, war Stammgast bei Aktenzeichen XY, einer der meistgesuchten Verbrecher Deutschlands – bis er letztendlich verraten und festgenommen wurde. Mittlerweile war er für den Tod von drei Menschen verantwortlich, hatte einige Banken überfallen und unzählige Diebstähle begangen.

Nachdem ihm der Prozess gemacht wurde, kam er für 14 Jahre ins Gefängnis. Urteil: Hochsicherheitstrakt in Bruchsal. Doch er sollte das Gefängnis als neuer Mensch verlassen.

Was waren oder sind Lichtblicke in deinem Leben?

Ich hatte nicht viele. In meiner Kindheit war ich viel in Heimen und mein größter Lichtblick war Freiheit. Ich wollte fliehen und habe alles daran gesetzt. Ich war der Fluchtkönig. Es gab keinen, der so oft geflohen ist wie ich. Einen Freiheitsdrang hatte ich schon immer. Deswegen genieße ich sie heute auch so sehr.

Also ist Freiheit ein großes Thema in deinem Leben?

Ja, und vor allem hat Freiheit für mich nichts damit zu tun, dass man physische Mauern verlässt. Sondern, dass das Herz aufgeht. Wenn man im Herzen eine Mauer aufbaut, die kann man selbst gar nicht mehr einreißen. Da muss jemand mit dem Vorschlaghammer dagegen donnern. Das hat Jesus bei mir getan.

Ging es dann früher eher um eine äußere Freiheit und heute mehr um eine innere?

Früher ja und heute beides. Einerseits, dass ich trotz lebenslänglicher Bewährung auf Sicherungsverwahrung gehen kann, wohin ich will. Andererseits ist die innere Freiheit für mich noch viel gewaltiger. Heute freue ich mich schon morgens beim Aufwachen auf den Tag, früher war das nie so.

Was gibt dir die Kraft dazu?

Als Rentner stehe ich jeden Morgen um fünf auf. Ich brauche mit dem Herrn jeden Tag zwei Stunden: Bibel lesen, das Gelesene auf mich einwirken lassen und ruhig sein. Irgendwie tut mir das gut. Ich bete um Gottes Führung. Und abends, dass er mich darauf aufmerksam macht, wenn ich etwas in Ordnung bringen muss. Freiheit bedeutet für mich auch, mein Leben in Ordnung zu bringen.

Neben der Suche nach Freiheit warst du in deinem Leben auch lange auf der Flucht. Als du in Hamburg festgenommen wurdest, beschreibst du diesen Moment mit Erleichterung. Warum?

Wenn man auf der Flucht ist, kann man sich tagsüber nicht blicken lassen. Und wenn man dann mal durch die Straßen geht, muss man damit rechnen, dass hinter jeder Ecke die Polizei lauert. Das ist kein schönes Gefühl. Obwohl ich einen Haufen Geld hatte, mir vieles leisten konnte und Leute schmieren, damit sie ruhig sind. Deshalb war ich froh, dass meine Flucht endlich vorbei war. Es war eigentlich ein Schritt nach vorne, da nun alles offenbart wird und man wieder eine Perspektive für die Zukunft hat, wenn alles abgesessen ist.

Du warst öfter in der Arrestzelle des Gefängnisses. Und den einzigen Gegenstand, den du dorthin mitnehmen durftest, war eine Bibel?

Ja, es mussten immer genügend Bibeln vorhanden sein, falls ein Gefangener eine wollte. Dann habe ich angefangen, sie in der Arrestzelle zu lesen und danach Zigaretten aus den einzelnen Seiten zu drehen. So habe ich in sechs Jahren das ganze Alte Testament durchgeraucht. Und immer wieder gab es Kernsätze, die mich eigentlich hätten treffen sollen.

Warum hast du überhaupt angefangen in der Bibel zu lesen?

Der Grund war, dass mein Vater die Bibel als Gottes Wort sah. Ich wollte Gott zeigen, dass ich stärker bin als er. Das war reine Rebellion.

Konntest du denn durch das Rauchen die Bibel noch intensiver aufnehmen?

Also das Alte Testament habe ich einfach gelesen und durchgeraucht. Aber interessanterweise kommt es mir zugute, dass ich das damals gelesen habe. So bin ich einer der wenigen, der vor seiner Bekehrung schon das komplette Alte Testament intus hatte. Und heute wird es mir zum Segen.

Später bin ich wieder zum Gefängnispfarrer gegangen, da ich eine neue Bibel brauchte. Er wollte wissen, was mit der vorherigen passiert sei. Ich meinte, dass sie etwas dünn geworden sei. Daraufhin hat er mir eine neue gegeben und ich habe die Bibel nicht mehr geraucht, sondern nur noch gelesen.

Später bin ich mal darauf gestoßen, dass Mose, als er vom Berg Sinai herunterkam und die Tafeln mit den Zehn Geboten zerdepperte, sie neu schreiben musste. Daraufhin habe ich mich in meiner Zelle mit einer Schreibmaschine hingesetzt und die komplette Bibel abgeschrieben, um sie Gott zurückzugeben. Sie hat über 5.000 Seiten und wahnsinnig viele Schreibfehler. Aber es war mir wichtig.

Gibt es eine Stelle in der Bibel, die dir besonders wichtig ist?

1. Johannesbrief Kapitel 1, Vers 9: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Das ist in meinem Glaubensleben ganz wichtig. Weil ich darüber nicht hinweg kam, bis ich mein Leben in Ordnung brachte. Und das wollte ich zuerst nicht. Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt.

Zuerst habe ich gebetet, dass Gott mir alle meine Sünden vergibt, und es war für mich erledigt. Aber er hat von mir verlangt, dass ich auch die Sachen bekenne, die man mir nicht nachweisen konnte. Damals stand ich ein halbes Jahr vor meiner Entlassung. Dass sich meine Haftstrafe verlängerte, wollte ich nicht riskieren. Doch eines Tages habe ich dem Staatsanwalt alles geschrieben und er hat alle Verfahren eingestellt. Ich wurde entlassen. Da habe ich gemerkt, dass ich das Wort Gottes sogar wörtlich nehmen kann.

Wenn du so auf dein bewegtes Leben zurückschaust, was für Gedanken und Gefühle kommen da so hoch?

Das wird jetzt ein Schock sein. Aber ich bin Gott dankbar für jeden Tag. Auch für die Zeit, als es ganz tief nach unten ging. Ich bin wirklich dankbar für die 14 Jahre Gefängnis, weil ich dort Jesus kennengelernt habe. Und ohne hätte ich vielleicht nie die Möglichkeit gehabt, zum Glauben zu finden. Was ich oft feststelle, ist, dass Menschen, die noch nie in tiefer Sünde gelebt haben und bewahrt aufgewachsen sind, gar nicht wissen, was Vergebung ist. Weil sie nie gestohlen oder geflucht haben. Sie haben es viel schwerer, Jesus als den Retter zu sehen, als jemand, der aus der tiefsten Sünde rauskommt. Wir brauchen alle Erlösung aus der Sünde, ob es schlimme Dinge oder Kleinigkeiten waren.

Wenn du die Möglichkeit hättest, was würdest du dem kleinen Helmi sagen?

Ich würde ihm gar nichts sagen, sondern ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, dass ich ihn lieb habe, genau so, wie er ist.

Vielen Dank für das offene Gespräch.

Interviewauszug mit freundlicher Genehmigung durch Wilhelm Buntz. Das vollständige Interview gibt es hier.

Ich liebe dich.
— Gott