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Jesus und die Kinder

„Lieben sie Kinder?“ Selbstverständlich. Natürlich. Was denn auch sonst? Vorsicht mit den Beschwörungen der Kinderliebe. Auch wenn Staatsmänner gerne Kinder tätscheln. Das macht sich gut und kommt in die Zeitung. In unserer Gesellschaft gibt es jedoch entsetzlich viel Kinderverachtung. Wer täglich Zeitung liest, weiß das. Vielleicht auch aus der unmittelbaren Umgebung. Aufpassen, heißt es da. Es gibt polizeiverdächtige Zustände hinter manchen Türen.

Es ist auffällig, wie stark die Liebe Jesu zu den Kindern in den Evangelien betont wird. Der norddeutsche Maler Emil Nolde hat ein Gemälde geschaffen, auf dem Jesus seine Arme um eine ganze Schar von Kindern legt, so wie man einen großen Strauß bunter Blumen umfasst. Wuschelköpfe verschiedener Farben, die ineinander fließen. Nolde zeigt, dass es um alle Kinder geht, weiße, braune, gelbe, schwarze, um alle Kinder der Welt. Die Arme Jesu wirken bei Nolde wie ein Schutzwall um die Kinder. Jesus liebt sie und seine Liebe soll weitergehen in unserer Liebe und Fürsorge für die Kinder. Und Jesus verkörpert Gott auf Erden, er ist der Christus. So hoch erhoben gilt die Liebe zu Kindern in der „Religion“ mit Namen Christenheit.

Mütter brachten ihre Kinder zu Jesus und baten ihn, sie zu segnen. Doch die Jünger wurden wütend auf die störenden Frauen und die hier für sie total überflüssigen Kinder. Vermutlich wollten die Herren gerade ein theologisches Gespräch mit Jesus führen. Ausgerechnet die engsten Schüler und Freunde Jesu scheuchen die Frauen und Kinder weg, wie man Hühner verscheucht. Ganz nahe bei Jesus und nichts begriffen. Hier aber bekamen sie es mit ihrem Herrn zu tun. Jesus wurde „unwillig“, in urdeutsch, er wurde wütend und sagte: „Lasset die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.“ Ein Kampfruf für die Würde der Kinder. Die Kinder gehören bevorzugt zu Gott, er liebt sie unbändig. Hier lässt Jesus keine Einrede zu.

Und dann kommt der Satz, der mich immer wieder im Herzen und Kopf tief erwischt: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Reich Gottes kommen.“ Wenn ihr euch nicht völlig umorientiert, passt ihr nicht zu Gott, dann bleibt ihr draußen vor der Tür. So hart wird Jesus bei diesem Thema. Es geht nicht um die stets „lieben Kinder“, sie sind es ja gar nicht, sie können ganz schön auf den Nerv gehen. Eltern kennen die schlaflosen Nächte, in den das liebe kleine Kind wie am Spieß brüllte. Die geliebten Kinder sind gemeint. Ihre Lebensgrundlage ist Vertrauen.

Wir sollen „wie die Kinder werden“, um bei Gott Zugang zu haben. Doch was heißt es für uns Erwachsene? Kinder sind vor Gott ohne jede selbst erworbene Qualifikation, ohne einen Berg guter Werke, auch ohne theologische Kenntnisse und kirchliche Ehren, sie sind einfach Kinder wie Kinder sind. Fröhlich und frech, neugierig und auf Entdeckungen aus, immer wieder spontan und liebesbedürftig. Doch bei allem abhängig von der Liebe der Eltern, der Fürsorge der Familie, dem Schutz der großen Geschwister. Die Kinder können nichts vorweisen, was in unserer von Geld und Macht besessenen Welt der Eintritt kostet. Und ihnen gehört das Himmelreich.

Diese Schwachheit und Abhängigkeit in der Beziehung zu Gott macht uns die Tür auf zum Reich Gottes. Gemeint ist eine dankbare und frohe Beziehung zu Gott, dem „Vater im Himmel.“ So sind wir „wie die Kinder“. Damit stehen wir mitten im Evangelium wie Jesus es gelebt und gepredigt hat. Wie gut, dass wir so bei Gott erscheinen dürfen, doch wie notwendig auch, dass wir bewusst umkehren zu dem Gott, der die Kinder liebt. Jeder darf sich von Gott, dem Vater wie ein Kind in die Arme ziehen lassen. Alle Glaubenden dürfen mit aller Zuversicht „wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“ anrufen und zu ihm beten. (nach Luther)

Johannes Hansen